Wer mit Süßigkeiten abgefüllt wird, muss in die Klinik: Szene aus „Schlagobers“ mit (v. li.) Russell Lepley, Rita Barão Soares, Javier Ubell und Alessio Attanasio. foto: marie-Laure briane

Premierenkritik

Richards Resterampe

München - Das Gärtnerplatztheater zeigt das Strauss-Ballett „Schlagobers“ in der Münchner Reithalle.

Könnte man natürlich machen: einfach drum herum reden. Schließlich bieten sich ja eine ganze Menge Entschuldigungen dafür an, dass „Schlagobers“, das Ballett von Richard Strauss, zu dem er auch das Libretto schrieb, wohl auch diesmal keine wahre Chance hat. Ganz ohne Grund liegt ein Stück von diesem Komponisten ja nicht fast 100 Jahre kaum geküsst in der Schublade.

Bei der Uraufführung 1924 in Wien war es ein Ärgernis. In der Wirtschaftskrise der kargen Nachkriegszeiten wollten die Leute alles andere sehen als einen an Süßigkeiten überfressenen Firmling. Strauss, seit 1919 Opernchef an der Wiener Staatsoper, verteidigte sich: „Ich halte diese zeitgenössische Tragik nicht aus. Ich will Freude bereiten, ich brauche sie.“ Freude hat er aber aus noch anderen als moralischen Gründen eben nicht bereitet. Der Stoff ist dünn und hat dramaturgisch keinen Biss. Es gibt keine Handlung, die einen mitziehen könnte.

Karl Alfred Schreiner, der Ballettchef des Gärtnerplatztheaters, hat das Stück zum 150. Todestag des Autors trotzdem ausgegraben. Und weil wir von ihm, gerade in der Münchner Reithalle, schon gute Abende erlebt haben, gab es doch eine leise Hoffnung auf Gelingen. Die allerdings hat sich rundheraus zerschlagen. Es gibt in diesem Stück, obwohl Schreiner noch daran herumgeschraubt hat, einfach keinen echten Grund zu tanzen, weil es keinen Konflikt gibt. So führt seine hochtechnisierte Company – angezogen in den sanften Macaron-Farben Himbeer, Pistazie, Caramel – in Paaren, Grüppchen und Gruppen schwieriges Schrittmaterial vor. Das geschieht in einem meist zackigen, oft bis zum Veitstanz überdrehten Expressionismus, der weder zu Strauss’ Walzersüße passt noch die karge Handlung erklärt. Möglich, dass Schreiner deren „Zucker“ nicht verdoppeln wollte, aber so ist es auch keine Lösung. Besonders hart ist das Krankenhaus gezeichnet, in das der mit Süßigkeiten überfütterte Firmling (der Teenager-hafte Javier Ubell) eingewiesen wird. Soll die Riege stramm exerzierender Ärzte, Pfleger und Schwestern ein Kommentar zur heutigen Krankenhaus-Misere sein?

Das Stück hat keinen Schluss, es hört nur auf. Schreiner schlägt eine Tanzfläche voller Schaum (Schlagobers) vor, in der die ganze Company versinkt. Marco Comin hat sich der Musik angenommen, die mehr nach „Richards Resterampe“ klingt, als es wohl der Fall gewesen wäre, wenn das Orchester nicht so tief im Raum hätte postiert sein müssen. Comin bleibt straff im Tempo, schüttet nicht noch Süßstoff nach und kann zumindest an den Walzern ihren Autor beglaubigen.

Sehr gelungen ist das Programmheft. Es bringt neben den üblichen Informationen die verführerischsten Patisserie-Rezepte, aber auch einen hammerharten Aufsatz über Zucker: „Garantiert gesundheitsgefährdend“. Frohe Weihnachten!

Beate Kayser

Weitere Vorstellungen

13., 14., 16., 17. 19., 20. und 21. Dezember; empfohlen ab zehn Jahren; Karten unter

Telefon 089/ 2185-1960.

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