Richtig auf den Putz hauen

- Unten tobt das Spektakel der Salzburger Festspiele. Nicht nur auf den Bühnen, sondern auch in den Gassen vom geldigen Groß- bis zum touristischen Massenauftritt. Oben auf dem Mönchsberg untersucht das Museum der Moderne in seinem neuen Haus folgerichtig "Les grands spectacles". Dabei geht's allerdings nicht um Jedermänner und Operndiven, sondern um "120 Jahre Kunst und Massenkultur". Auch die Ausstellung - wie übrigens die Kunst selbst - schwankt zwischen aufklärerischer Haltung und dem eigenen Vergnügen, auf den Putz zu hauen. Wohl immer noch am besten kann das der Klassiker Andy Warhol. In der Schau ist eines seiner riesigen seriellen Bilder zu sehen. Schier endlos wiederholt es ein Foto aus einem Massenmedium, der Zeitung; und dieses Foto signalisiert seinerseits etwas, was zum Spektakel wurde: die Hinrichtung mit dem Elektrischen Stuhl.

Die Zeitung gab es schon vor lange vor 1875, die Bilder hingegen mussten erst laufen lernen. So beginnen die Kuratoren Margrit Brehm und Roberto Ohrt ihr Panorama mit den ersten Versuchen, Bewegung "aufzufangen". Chronofotografie, Daumenkino und ein skurriler Blick in die dritte Dimension: mit Skeletten, die Hochzeit feiern. Der Film ist im Fötusstadium. Lichtspiel und Fernsehen werden die Welt verwandeln. Dada, Marcel Duchamp, Surrealisten und Futuristen ahnten nur einen Teil der Konsequenzen voraus. Ein ganzer Saal voll Bilder umspielt die Inszenierungen von Schauer, Horror, Spannung, Zirzensischem von James Ensor über Raymond Pettibon bis Marianna Gartner.

Der französische Titel der Schau soll an die theatrale Bedeutung des Wortes erinnern. Das Abwertende des "Spektakels" im Deutschen wird relativiert. Allerdings waren es die "Situationistische Internationale" und Guy Debords Buch "La socié´té´ du spectacle" (1967), die das alte System "Brot und Spiele" angriffen. Aber da Spiel, Spaß, Überrumpelung, Provokation, Selbststilisierung, Ironie und Parodie sehr wohl zur Kunst gehören, profitiert die kritische Kunst selbst vom Spektakel: Böse will die ellenlange, rosarote Lästerzunge sein mit den blinkenden Leuchtzähnen, ist zugleich ein herrlich komischer Drache (Gelatin). Spöttisch kehrt Joseph Beuys in "Ausfegen" Straßendreck in die Museumsvitrine - inklusive seine eigenen Broschüren zur direkten Demokratie, zugleich wusste er, damit kann man (nicht abgehärtete) Ausstellungsbesucher tratzen.

Während die Wiener Aktionisten (Fotos, Performance-Filme) zu wesentlich blutigeren Spektakel-Mitteln griffen und deutsche Fluxus-Künstler Kritik und Gaudi verbandelten, versuchte die Pop Art Glamour, Massenkultur und Mahnung zu verbinden. Die plakatierte Sex-Bombe Marilyn Monroe wird von Mimmo Rotella zerfieselt, und Michael Light zeigt in "100 Suns" Atom-Bomben-Tests. Dass Spektakuläres nur aufreizend ist, wenn das Publikum entsprechend reagiert, mussten viele Lärm-Künstler erfahren. Paul McCarthys und Jason Rhoades "Shit Play" tut man mit einem Achselzucken ab. Dagegen verletzt Daniele Buettis Zimmerbrunnen, der die Reste der Twin Towers absichtsvoll "verniedlicht", ein aktuelles Tabu.

Wer einen Ruhepol braucht nach dieser nachdenkenswerten, aber etwas verwirrenden Präsentation, findet ihn in der kleinen Exposition "Spiele des Lichts", Werke aus der R. & H. Batliner Art Foundation: von Picasso bis Modigliani. Schön, dass man auch Unbekannteres kennen lernt, etwa Franisek Kupkas Farbarchitekturen, die sich wie Schachtelhalme staffeln.

Im Stammhaus des Museums, im Rupertinum (Philharmoniker-Gasse 9), nicht oben, sondern unten in Nachbarschaft zum Festspielhaus-Getümmel sind außerdem Grafiken von Gerhard Richter zu sehen, die ja all seine berühmten Bilder, Zyklen und Phasen reflektieren, sowie Skulpturen und Gemälde (Teil 2 in der Uni) von Mimmo Paladino. Er versucht eine Art von Klassizismus. In den Tieren lebt die Antike, in den Bildern Malewitsch, der von der Abstraktion zurückgekehrt ist zur Figürlichkeit.

"Spectacles" bis 3.10.; "Licht" bis 4.12.; Richter bis 16.10.; Paladino bis 31.8.; Tel. 0043/ 662/ 84 22 20 601.

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