Die richtige Garzeit

- Bei den Bayreuther Festspielen wird er gerade für seinen "Tannhäuser" bejubelt, ab Herbst ist Christian Thielemann Wahl-Münchner - als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker. Der 45-Jährige tritt sein Amt am 29. Oktober mit Bruckners fünfter Symphonie an, zunächst wurde eine Vertragslaufzeit von sieben Jahren vereinbart.

<P>Wird Ihre musikalische Interpretation durch das beeinflusst, was Sie auf der Bühne sehen? <BR><BR>Thielemann: Ich schaue immer, ob meine Interpretation von der Bühne befruchtet oder behindert wird. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Regie, die so rätselhaft ist, dass ich nichts verstehe, und einer weniger speziellen, nehme ich die letztere. Weil ich weiß, dass dann meine Auffassung die Leute leichter erreicht. In unserer Video-Clip-Kultur dient Musik doch nur noch als Unterlegung. Und dafür ist sie mir zu schade. <BR><BR>Hätten Sie Schlingensiefs "Parsifal" dirigiert? <BR><BR>Thielemann: Ja. Ich bin mit Christoph gut befreundet. Ich hätte versucht, in der Zusammenarbeit andere Akzente zu setzen. Wahrscheinlich hatten Pierre Boulez und Christoph voreinander zu großen Respekt. Die Leute sollen sich aber nicht so aufregen. Die Inszenierung ist ein "Work in progress", und das finde ich total gut. <BR><BR>Landen Sie nach den Berliner Querelen nun in München auf einer Insel der Seligen? <BR><BR>Thielemann: Ich hoffe. Das mit der Deutschen Oper Berlin ist eine todtraurige Sache. Die Politiker wollten keine zwei Weltklasse-Häuser. Und da konnte ich nicht mitmachen. <BR><BR>Demnach sollte ein Chefdirigent auch eine politische Funktion ausüben? <BR><BR>Thielemann: Gegen das Wort politisch bin ich allergisch. Sagen wir: außermusikalisch. Aber ein Künstler sollte sich auch nicht zu viel anmaßen. Ich kann Bush nicht am Irak-Krieg hindern. Ich bin allerdings viel wichtiger, als manche glauben - nämlich in dem Moment, wenn ich die Leute mit einer Bruckner-Symphonie erreiche. Dann fühle ich mich, na ja, mächtig und verantwortungsvoll.<BR><BR>Also ist es neben dem musikalischen auch ein Machtrausch?<BR><BR>Thielemann: Nein. Es ist eine Art Selbstverwirklichung, ein kindliches Ausleben. Das tun wir doch alle zu wenig.<BR><BR>Können Sie Menschen verstehen, die irritiert auf Ihre Absagen wie kürzlich in Paris reagieren?<BR><BR>Thielemann: Nein. Ich hatte eine Schleimbeutelentzündung nach dem Wiener "Tristan". Soll ich gegen meine Gesundheit vorgehen? Ich will nicht mit 60 fertig sein. Ich will größtmögliche Qualität - daher konnte ich Carlos Kleiber gut verstehen. Wenn ich etwas betreibe, dann nie oberflächlich, sondern exzessiv. Ob beim guten Wein oder bei Bruckner. <BR><BR>In welche Richtung soll sich die Partnerschaft mit den Münchner Philharmonikern entwickeln?<BR><BR>Thielemann: Technisch sind die ja zu allem fähig. Sie haben also erstklassige Zutaten auf dem Tisch liegen. Und ums Essen nicht zu versauen, muss man wissen, wie lang das Fleisch gebraten werden sollte und ob der Wein richtig temperiert ist. Das Repertoire meiner ersten Saison ist bekannt, da werden wir jedes Jahr etwas hinzutun. Außerdem strebe ich keine enzyklopädischen Dinge an.<BR><BR>Gibt es Komponisten, die Sie noch nicht dirigieren wollen? Oder bei denen Sie sagen: keinesfalls? <BR><BR>Thielemann: "Keinesfalls" kenne ich nicht. "Noch nicht" betrifft den ganzen Mahler oder Bach. <BR><BR>Und wo wollen Sie nicht mehr? <BR><BR>Thielemann: Beim "Tristan". Nach der letzten Wiener Aufführung war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich gedacht habe: nie wieder. Dabei ist es die Oper, die ich am meisten mag. Aber man ist fix und fertig durch das Aufgeputsche. Ich mache auch eine Pause mit Beethovens Neunter. <BR><BR>Die Orchester haben mit zurückgehender Nachfrage zu kämpfen. Wie sollte man an andere Publikumsschichten herankommen? <BR><BR>Thielemann: Das Problem ist, dass in den Familien die Kinder zu wenig an die Musik herangeführt werden. Und das bedeutet nicht: einmal "Peter und der Wolf", dann hat der Kleine schon Lust auf Brahms. Alle wollen doch dasselbe, ob Brahms oder Madonna: Ausdruck, Rhythmus, Gefühl, Körperlichkeit. Also muss man zum Beispiel sagen: "Hört doch mal auf ein Adagio von Mahler - auch nicht schlecht, oder?"<BR><BR>Das ist aber eine langfristige Geschichte. Die Orchester müssen jetzt reagieren. <BR><BR>Thielemann: Schon. Und die Jugendarbeit der Philharmoniker unterstütze ich voll und ganz. Aber etwa an einer Zeitströmung, die nur noch mit Bebilderung arbeitet, bin ich nicht interessiert. <BR><BR>Heißt es für Sie nun: nur noch Orchester und Seitensprünge an die Oper? <BR><BR>Thielemann: Ja. Ich bin bedient von den Entscheidungsstrukturen am Theater und von der mangelhaften Finanzierung. Mal ganz abgesehen von der Regie mit Blut- und Sperma-Orgien à` la Calixto Bieito. Auch den Posten des Musikdirektors an der Wiener Oper habe ich abgelehnt. <BR><BR>Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Philharmoniker-Intendant Wouter Hoekstra aus? <BR><BR>Thielemann: Wir planen alles gemeinsam. Es gibt Chefstücke und Werke, bei denen ich möchte, dass sie in bestimmten Händen sind. Auch halte ich vom Repertoire her nichts davon, dass ein Orchester in allen Sätteln sitzt. <BR><BR>Wenn sich in der Hauptstadt die Lage verbessert: Kehren Sie, der Ur-Berliner, dann zurück? <BR><BR>Thielemann: Da kennen Sie mich schlecht. Es ist aus. Aber mir tut die Sache furchtbar Leid. Deutschland bekennt sich zu wenig zu seiner Hauptstadt. Das müsste alles entschuldet werden. Andere haben nach dem Krieg vom Aderlass Berlins profitiert. München wäre nie die Verlagsstadt geworden, Frankfurt nie die Bankenstadt. Es gibt nun mal eine Metropole mit Repräsentationspflichten, und dafür sollte der Rest etwas tun.<BR></P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P><P><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare