Verliebt in den Helden ihrer Träume: Anna Netrebko bei ihrem Rollendebüt als Tatjana. foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Netrebko singt erstmals die Tatjana

Die richtige Rolle zur rechten Zeit

Wien - Wiener Staatsoper: Anna Netrebko singt erstmals die Tatjana in Tschaikowskys „Eugen Onegin“

Ein junges Mädchen schreibt einen Liebesbrief, schickt ihn auf die Reise – und die Wiener Staatsoper versinkt darüber in wilden Bravorufen: Anna Netrebko, derzeit wohl einziger internationaler Superstar der Oper, hat bei ihrem Rollendebüt als Tatjana in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ einen Triumph gefeiert. Und das genau zur rechten Zeit, denn jetzt hält Netrebkos Stimme das, was Tatjanas Briefszene auf ihrer CD mit russischen Arien noch eher versprach.

Diese Partie verlangt nach einer kräftigen Mittellage und ordentlicher Durchschlagskraft, nach langen lyrischen Melodiebögen – Dinge, die Anna Netrebko heute, mit Anfang 40, in großem Umfange zur Verfügung stehen. Dazu kommt bei ihr auch in der unterkühlten „Onegin“-Inszenierung Falk Richters von 2009 die gewohnt große Lust am Spiel, die die Auftritte der russischen Sängerin im Gesamtpaket immer zu etwas Besonderem machen. Als Tatjana wird sie sicherlich noch einige Jahre für Aufsehen sorgen – nach der Vorstellungsserie in Wien wird sie in dieser Oper die nächste Saison der New Yorker Met eröffnen, eine Übertragung in Kinos weltweit ist geplant.

Ob dabei das Gesamtniveau der Wiener Aufführung erreicht werden kann, ist abzuwarten: Neben Netrebko trat als Onegin Dmitri Hvorostovsky auf. Er verfügt über reichlich Rollenerfahrung, wirkt in der Aufteilung der Stimmmittel sogar recht ökonomisch und bleibt neben seiner so intensiv spielenden Tatjana als Darsteller eher blass.

Als Lenski feiert der Tenor Dmitry Korchak einen großen Erfolg – er kann sich wie die anderen Sänger des hervorragend besetzten Abends auf einen Spitzendirigenten verlassen: Andris Nelsons setzt am Pult des Staatsopernorchesters nicht nur auf glanzvolle Prachtentfaltung allein, sondern betont das Nervöse, stets auf der Kippe stehende tragische Moment des gesamten Werks. Und: Er verführt alle Sänger erfolgreich dazu, nicht nur auf das Vorführen der großen Stimme zu setzen, sondern immer wieder zarteste, leise Töne zu riskieren, die im Rund der fünf Theaterränge für atemlose Stille sorgen.

Netrebko-Fans freuen sich nun schon auf ihre Auftritte in Gounods „Faust“ kommende Saison in Wien. Schade allerdings, dass sich die Sängerin aber auch abseitig anmutende Ziele wie Verdis Lady Macbeth (in der kommenden Spielzeit in München) und Wagners Elsa gesetzt hat – nicht nur im russischen Fach gäbe es noch passendere Partien, in denen sie eine der weltbesten Interpretinnen sein könnte. Das Schöne daran: Für Anna Netrebko sehen sich Menschen auch unbekanntere Werke an – hier könnte dem Star eine Rolle als Botschafterin zufallen.

Weitere Aufführungen:

18., 22.4. (ausverkauft); Restkarten eventuell unter

www.wiener-staatsoper.at.

von Claus Ambrosius

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