Das riecht nach Diktatur

- In der Kontroverse um die Auflösung des Münchner Rundfunkorchesters hat nun Marcello Viotti die Konsequenzen gezogen. Er tritt als Chefdirigent zurück, will seine hiesigen Konzertverpflichtungen aber trotzdem erfüllen.

<P>Viotti, der das Ensemble seit 1998 erfolgreich leitet, zeigt sich höchst verärgert über die Vorgehensweise des Bayerischen Rundfunks, der das Ensemble am Ende der Saison 2005/06 abwickeln will und sich kürzlich auch noch von Orchestermanager Gernot Rehrl trennte. Derzeit gastiert Viotti an der New Yorker Met, wo er insgesamt zwölf "Aida"-Vorstellungen dirigiert. Sein nächster Einsatz beim Rundfunkorchester ist Offenbachs "Schöne Helena" am 16. Januar.<BR></P><P>Haben Sie die Auflösung Ihres Orchesters erwartet?</P><P>Viotti: Nein, jedenfalls nicht in dieser Form. Ich wusste, dass dunkle Wolken über dem Orchester hängen. Und ich hoffte, dass die Steuerleute im BR genug Kultur haben. So viel Kultur, dass sie verdiente Mitarbeiter wie die Musiker und natürlich auch Gernot Rehrl nicht einfach entlassen. Ich bin sehr enttäuscht von diesen Leuten, besonders vom BR-Intendanten Thomas Gruber.</P><P>Wie haben Sie von dem Auflösungsbeschluss erfahren?</P><P>Viotti: Nach unserem Brüsseler Konzert, zur Einweihung der bayerischen Landesvertretung, gab es einen kleinen Empfang. Herr Gruber sagte da fast nebenbei: Ich habe schlechte Nachrichten. Das fand ich fürchterlich. Ich habe ihm danach einen Brief geschrieben. Mir solche Entscheidungen auf diese Art mitzuteilen, ist nicht akzeptabel. Außerdem hat er seitdem nicht mehr mit mir gesprochen, was ich eigentlich erwartet hätte.</P><P>Diskutiert wird nun unter anderem eine Auffanggesellschaft, in der die Musiker zusammengefasst werden, die nicht woanders unterkommen und die sich dann um Jugendprojekte oder Ähnliches kümmern sollen.</P><P>Viotti: Der Sender probiert nun etwas, damit gesagt wird: Seht her, der BR ist doch ein bisschen menschlich. Solche Vorhaben sind lächerlich, eine Unverschämtheit. In Italien wurden vor 10, 15 Jahren die Rundfunkorchester in Mailand, Rom und Neapel geschlossen. Aber man hat sich dafür mindestens fünf Jahre Zeit gegeben. Vom BR allerdings habe ich noch keine ernst zu nehmenden Pläne nach dem Auflösungsbeschluss gehört.</P><P>Warum geben Sie die künstlerische Leitung des Rundfunkorchesters ab? Lassen Sie Ihre Musiker im Stich?</P><P>Viotti: Nein. Ich habe als Chefdirigent fristlos gekündigt, werde aber alle Verpflichtungen bis 2006 erfüllen - allerdings nur noch als Gastdirigent. Offiziell geht mein Vertrag bis August 2006. Und der Witz ist: Noch im vergangenen Juni, nach einem Gespräch mit Herrn Gruber, gab es einen Entwurf für eine einjährige Vertragsverlängerung. Ich dachte mir, wenn er das anbietet, dann wird er doch das Orchester nicht gleich auflösen. Ich kann aus menschlichen Gründen das Orchester nicht allein lassen. Andererseits fällt es mir als Künstler schwer, Musiker zu dirigieren, zu motivieren, die demnächst entlassen werden. Außerdem wandern ja bereits die Ersten ab, weil sie sich natürlich woanders bewerben. Es ist eine sehr dumme Situation.</P><P>In einer Presseerklärung haben Sie angedeutet, dass man auch bei den anderen BR-Klangkörpern, vor allem beim Symphonie-Orchester sparen könnte. Schieben Sie da den Schwarzen Peter nicht weiter?</P><P>Viotti: Nein. Aber niemand hat sich bisher getraut, so etwas zu sagen. Ich bewundere die Qualität des Symphonie-Orchesters, diesen tollen Rolls-Royce. Ich denke nur, dass man die großzügige Ausstattung verbunden mit der Anzahl der Dienste schon hinterfragen könnte . . .</P><P>Ex-Manager Rehrl wurde unter anderem vorgeworfen, er habe nicht verhindert, dass Gastdirigenten im Konzert die Auflösung kritisieren.</P><P>Viotti: Wenn ich das in Italien erzähle, trauen die Leute ihren Ohren nicht: So etwas passiert in der deutschen Demokratie? Für mich riecht das eher nach einer Art Dikatur. Es gibt überhaupt sehr schlechte Reaktionen im Ausland auf diese Orchesterschließung, eine totale Empörung darüber, dass sich das Kulturland Deutschland so etwas leistet. Vielleicht könnte ich gegen den Bayerischen Rundfunk prozessieren, weil er meine Position als Chefdirigent untergraben hat, weil Dinge wie die Entlassung von Gernot Rehrl ohne mein Wissen geschehen sind. Aber klagen? Dann würde ich mich ja auf dasselbe Niveau wie der BR und seines Intendanten begeben. Auf das Niveau eines fragwürdigen Stils. Manche Politiker treten nach solchen Fehlentscheidungen zurück.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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