Den Riesen töte ich!

- Ein Hoch auf "König David". Wenn auch das Tief, das am Premierenabend mit heftigen Regenfällen über Oberammergau hinwegfegte, ebenfalls David benannt war. Den über 400 sturmerprobten Spielern von Oberammergau aber konnte die Nässe nichts anhaben. Mit Gottvertrauen und unerschütterlichem Glauben an die Kraft und die Wunder des Theaters trotzten sie dreieinhalb Stunden lang, bis Mitternacht, den kühlen Himmelsgüssen. Für die im Trockenen sitzenden Zuschauer ein Erlebnis besonderer Art: In solchen Momenten werden Kunst und Wirklichkeit identisch; denn das Leben, über das hier in einem großen, leidenschaftlichen Bilderbogen erzählt wird, hat auch nicht nach Wind und Wetter gefragt.

Als wär's ihr Leben

In der Verschmelzung der Naturgewalten mit jenen des menschlichen Willens liegt wohl die besondere Magie jedes Freilufttheaters. Erst recht, wenn es sich wie in Oberammergau um Alttestamentarisches dreht. Wenn sich die Profis der "Passion" - Regisseur Christian Stückl, Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier, Komponist und Dirigent Markus Zwink - mit Können, Hingabe und höchster Lust wieder zu Animateuren ihres ganzen Dorfs machen. Und wenn die Darsteller, Sänger, Musiker, Techniker mit Kind und Kegel, Pferden, Schafen, Ziegen und Esel spielen, als wär's ein Stück ihres Lebens. Was es - und darin liegt die Einmaligkeit - in Oberammergau zweifellos auch ist.

In der Halbzeit zur nächsten "Passion" (2010) spielt das Dorf seit hundert Jahren erstmals wieder "König David": Aufstieg, Zweifel und Versuchung, Verfolgung, Mord, Triumph und Krönung des Bethlehemer Hirtensohnes aus dem Stamme Juda, dem es gelang, als Nachfolger König Sauls die zwölf Stämme Israels zu einen.

Christian Stückl hat aus verschiedenen Textvorlagen, von denen die wichtigste die Bibel ist, eine eigene Spielfassung erarbeitet. In elf pompösen, Schlachtgemälden ähnlichen Bildern erzählt er, wie der Prophet Samuel sich abwendet von Saul und wie er David, den jüngsten Sohn Isais, zum kommenden König salbt. Stückl zeigt, wie der Halbwüchsige mit einer Steinschleuder Goliath - hier kein Riese, sondern ein Schwarzer wie aus dem Märchenbilderbuch - tötet; wie er erwachsen wird und zum gefürchteten Rivalen Sauls heranreift.

Dem Schauspiel voran hat Stückl die Hochzeit Davids mit Bathseba gestellt, der berühmten Schönen aus dem Bade, deren Mann er in den Tod geschickt hat, um sie zu heiraten. Da trifft ihn der Zorn des Propheten, der Glanz des Königtums bekommt Risse - und es beginnt Davids Rückerinnerung an den eigenen Werdegang.

Der Reichtum an Talenten

Doppelt besetzt ist diese Rolle. Anton Burkhart, der versiert, bühnenerfahren und voller Pathos den erwachsenen David spielt, den Auserwählten, den Zweifler, den Täter, macht Platz für Martin Schuster, den halbwüchsigen Hirten. Und damit vollzieht sich eines der Theaterwunder von Oberammergau. Dieser junge Darsteller macht seine Sache so gut, weil er ganz unverstellt agiert. Weil ihn noch nicht das Bewusstsein der Protagonistenrolle belastet. Und Stückl weiß den Charme der Jugendlichkeit, die Reinheit des Gefühls und diese bezwingende Natürlichkeit theatralisch bestens zu nutzen. Davids Ruf - "Ich bin König!" - hört sich an wie ein Kinderspiel. Oder wenn Saul demjenigen seine Tochter zur Frau verspricht, der Goliath tötet, meldet der Knabe sich voller Übermut: "Den Riesen töte ich!" Um gleich danach die Frage, warum er sich, im Kampfe unerfahren, in diese mörderische Gefahr begeben will, voller Innigkeit mit Psalm 23 - "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln . . ." - zu beantworten.

Das Dorf ist reich an solchen Talenten. Sie sind bereit, ihre Seelen zu entblößen. Und Christian Stückl wuchert mit diesen Pfunden. Immer wieder staunen macht vor allem Peter Stückl, dieser Lear von Oberammergau, als König Saul. Aus dem Kreis der wunderbaren Amateur-Darsteller ragen besonders heraus: Martin Norz als intelligent zurückgenommener Prophet Samuel, der mit gewaltiger Wirkung sein "Fluch!" in den Nachthimmel donnert; ferner Carsten Lück als Davids Bruder Eliab, Markus Köpf als Zadok und Stephan Burkhart als sehr komödiantischer Mohr Goliath.

Mit Bezug zum Heute

Es könnte passieren, dass ein weniger bibelfester Zuschauer die Stammeskriege und -krieger nicht immer gleich auseinander halten, die Ammoniter und Amalektiker, die Philister und die Priester von Nob nicht sofort einordnen kann. Da hilft schnell ein Blick ins Programmheft. Dass aber dieses von Christian Stückl mit Feuer und Schwert, mit Schweiß, Blut und Psalmengesängen in Szene gesetzte, alttestamentarische Massenspektakel einen Bezug zum Heute aufweist, das wird jedem klar. Die Korrumpierung durch Macht, das Scheitern der Größe, die Sucht nach Gewalt, der Ruf nach einem Gottesstaat, die Verquickung von Glauben und Politik: Bestechend setzt Stückl das um in kräftige Bilder. Die Massenszenen macht diesem Guru von Oberammergau, der bekanntermaßen auch der Intendant des Münchner Volkstheaters ist, keiner so schnell nach.

- Nächste Vorstellungen: 29., 30. Juli, 5., 6., 12. 13. August, jeweils 20. 30 Uhr. Karten unter: Tel. 088 22-923 158; Email: Tourist-infooberammergau.de

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