Den Ring schmieden

- Eine schrittweise Annäherung vollzieht Sir Simon Rattle an Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Ab Sommer 2006 will er den Vierteiler in Aix-en-Provence stemmen, ab 2007 vor den Toren Münchens, bei den Salzburger Osterfestspielen. Zunächst war da also ein konzertantes "Rheingold" auf alten Instrumenten und mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment, in wenigen Monaten gibt's ein ebensolches, allerdings mit den Berliner Philharmonikern.

Und als opulente Zwischenmahlzeit dirigierte Rattle sein Orchester bei einem konzertanten ersten "Walküre"-Akt in der Berliner Philharmonie. Das wiederum unter Mithilfe des mutmaßlich dienstältesten Siegmunds des Universums: Startenor Placido Domingo.

Und damit beginnt auch schon die Widerlegung von Klischees und Erwartungen. Nein, Rattle lässt die 70 Minuten nicht als schwitzende Hochdruck-Romantik vorbeirasen, sondern zielt auf eine wundersam gedehnte und räumlich geweitete Kammermusik, holt das Geschehen immer wieder ins intime Piano zurück. Nein, Rattle liegt nicht an Überwältigung, sondern am Auskosten empfindsam gespannter Kantilenen und berückender Soli - als ob da einer ständig "verweile doch" ruft, sich gar nicht mehr von Wagners Schönheiten losreißen kann. Und drittens: Nein, Domingo ist kein vokal abgewrackter Altstar, der Mann schafft dank jahrzentelang trainierter Italianità` manches, das Kollegen nur mit Tricks meistern.

Verwunderlich ist allerdings schon, dass die Beschäftigung mit deutscher Oper so wenig gefruchtet hat. Wenn Domingo Wagner singt, dann ist das noch immer ein sprachlicher Hindernislauf, bei dem manche Hürde purzelt. Was soll's: Das edel bronzierte Timbre des Superstars entwaffnet einfach. Domingo gelingen wirklich berührende Momente, starke "Wälse"-Rufe und eine Charme-Offensive, die germanisches Pathos mit einem Schuss Lehá´r versetzt und bei der man die unfreiwillig komische Andeutung einer Personenregie irgendwann toleriert.

Eva-Maria Westbroek ist da verlässlicher, singt eine tadellose Sieglinde zwischen vokaler Unschuld und heroinenhaftem Auftrumpfen. Reinhard Hagen ist ein balsamischer Hunding, vielleicht eine Spur zu "schön", und verfolgt später sonnig lächelnd das Liebesduett: Passt zwar nicht zur Rolle, ist aber diesem Konzert durchaus angemessen.

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