Georg Baselitz: „Sterne (Weinender Kopf)“, Holzschnitt. fkn

Ringen mit Material und Inhalt

München - Eine Entdeckung: „Religiöse Bilder“ von Georg Baselitz in der Münchner Katholischen Akademie.

Georg Baselitz: Da denkt man unwillkürlich an die umgedrehten Bilder, bei denen die Motive kopfstehen. Seit 1969 irritiert er damit, zudem waren es die frühen obszönen Motive, die für Aufsehen sorgten. Und nun: „Religiöse Bilder?“ Die Katholische Akademie in München hat hinter diesen Titel ein Fragezeichen gestellt. Es könnte genauso gut ein Ausrufezeichen sein. Denn Baselitz, der für eine ständige Schärfung und Erneuerung von Inhalten steht, hat sich in den 80er-Jahren dieser Thematik angenähert. Religiös sind die 30 Holzschnitte und zwei Ölgemälde also auch. Vor allem aber sind sie eine Auseinandersetzung mit dem Mensch und seinem Zustand, mit dem Material und der Malerei an sich.

Mit Baselitz und dem Thema feiert die Akademie in Schwabing ihre hundertste Ausstellung, die als kleine Entdeckung gelten kann. Kuratorin ist Carla Schulz-Hoffmann: Als Baselitz 1965 mit 27 Jahren seine erste große Einzelausstellung in München hatte, war sie Assistentin in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Später sollte sie dort Expertin für Moderne und stellvertretende Generaldirektorin bis zu ihrem Ruhestand 2011 werden. Als Kennerin fasst sie nun zusammen, worum es dem großen Provokateur eigentlich geht: Um die Differenz zwischen Gegenstand und Wahrnehmung, zwischen Wissen, Erinnerung und Intuition. Oder, um es mit Baselitz zu sagen: „Für mich ist das Sichtbare nur eine Haut.“

Das Sichtbare in den religiösen Bildern ist ein Ringen mit dem hölzernen Druckstock, der Strukturen vorgibt. Gravuren gleich zeichnet sich die Figur ab: als weiße Umrisslinien, als Motiv-Aufriss, als zerpflückte Fläche. Viele Mutter-Kind-Varianten in scheinbar naivem Habitus lösen biblische wie soziale Assoziation aus. „Heuler“, also Weinende, sind so grob wie ihre Bezeichnung formuliert, haben die Hände vors Gesicht geschlagen, erden sich so in ihrem Leid, eingespannt in eine Struktur aus Blutrot und Schwarz. Die Bilder wirken direkt, simpel, impulsiv. Und doch stecken allerlei weitere Assoziationen und Grundthemen dahinter, die sich erst langsam erschließen.

Auch bei den Ölgemälden: Der archaische, umgedrehte „Abgarkopf“ (1984) beispielsweise kreist um den Mythos der Vera Icon, also des originalen Gesichtsabdruckes von Christus. Diese Urform eines Kopfes, in irdischem Grün, fleischlichem Rosé und geistigem Blau gehalten, spricht zugleich auch die jahrhundertealte Diskussion um Abbild und Bildverbot an. Und da sind wir genau bei einem der Grundthemen von Baselitz: die „Notwendigkeit einer Bildkonstruktion“. Dass man darüber, über Philosophisches und Geistiges in der Abstraktion nachdenkt, ist seit gut hundert Jahren geläufig. Dass Baselitz das mit der Umkehrung des Gegenstandes tut, ist immer noch frappierend sehenswert.

Freia Oliv

Bis 3. Januar,

Mandlstraße 23; Katalog: 5 Euro. Telefon 089/ 38 10 20.

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