Ringen um das Unmögliche

- Demütige Pilger seien gewarnt: "Die Festspiele sind kein okkultes Geschehen", betont Wolfgang Wagner in seiner Autobiografie. Sie seien vielmehr ein Ort für "lebendiges Theater", gekennzeichnet durch das stete "Ringen um das Unmögliche". Und diesen Ringkampf - mit Regisseuren, widerborstigen Tenören und vergrätzten Weihesuchenden - hat er 2004 wieder einmal gewonnen.

<P>Der dienstälteste Intendant weltweit kann also heute, an seinem 85. Geburtstag, auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken: Christoph Schlingensiefs "Parsifal" erntete fast mehr Wohlwollen als Ablehnung, das Haus ist finanziell bestens bestellt, jedes Ticket könnte zehnmal verkauft werden. Und die Nachfolgefrage bleibt, trotz seines Alters, irgendwie offen. Zumal Wolfgang Wagner es geschafft hat, seine Tochter Katharina nahezu widerspruchsfrei zu positionieren: Warum sollte, so heißt es, diese viel versprechende Regisseurin das Projekt Bayreuth eigentlich nicht fortführen?</P><P>"Die Festspiele sind kein okkultes Geschehen."<BR>Wolfgang Wagner</P><P>All das kann sich Wolfgang Wagner so nicht ausgemalt haben, als er 1951 mit Wieland die Festspiele übernahm und sie 1966, nach dem Tod des Bruders, in alleiniger Verantwortung weiterführte. Heftige Auseinandersetzungen überstand der Prinzipal mit der ihm eigenen Mischung aus autoritärem Führungsstil, fränkischer Bauernschläue und bodenständigem Witz. Wolfgang Wagner brachte radikale Inszenierungen von Götz Friedrich ("Tannhäuser") oder Patrice Ché´reau ("Ring des Nibelungen") auf den Grünen Hügel und verteidigte sie, sicherte die Festspiele mit einem Gesellschafter-Modell ab und setzte sich sogar gegen den damaligen Bayerischen Kunstminister Hans Zehetmair durch, der ihn im Verein mit Eva Wagner-Pasquier, der Tochter aus erster Ehe, vom Thron stoßen wollte.</P><P>Sein Finanzgeschick lebte der Enkel des großen Richard schon früh aus. Während Wieland über die schönen Künste grübelte, kümmerte sich "Wolfi" um einen kleinen Hühnerstall, dessen Eier er zum aktuellen Marktpreis an Mama Winifred verhökerte. Und noch heute gilt: "Sobald es ans Geld geht, kommt an mir keiner vorbei."</P><P>Wolfgang Wagners Kunst des Buchhaltens hielt freilich mit der Kunst des Regisseurs nicht ganz Schritt. Seine eigenen Inszenierungen erschöpften sich meist im lähmenden Schreit- und Stehtheater ("Parsifal") oder im dünnen Lustspiel-Heissassa ("Meistersinger"). Sein Regie-Debüt fiel auf den 7. Juni 1944, als er "Bruder Lustig", ein Werk von Vater Siegfried Wagner, an der Berliner Staatsoper herausbrachte. Neun Jahre später dann mit "Lohengrin" die erste Bayreuther Inszenierung, alle Hauptwerke Richard Wagners folgten, darunter zweimal der "Ring". Vor zwei Jahren verabschiedete sich Wolfgang Wagner aus dem Regie-Beruf _ mit eben jenen "Meistersingern", die Tochter Katharina 2007 wieder auf Bayreuths Bühne bringen soll.</P><P>Seit Jahrzehnten, auch das ein Merkmal der Ära Wolfgang Wagner, steht der Grüne Hügel im Zeichen von Familienfehden. Wolfgang konnte nie recht mit Bruder Wieland. Und 1976 trennte sich der Chef nach 33 Ehejahren von seiner Frau Ellen und heiratete seine Assistentin Gudrun. Die Kinder Eva und Gottfried verließen im Streit Bayreuth, Gottfried arbeitete sein zerrüttetes Verhältnis zum Papa später in einem verbitterten Buch auf.</P><P>Mag also Bayreuth auf dem Wahlspruch "Hier gilt's der Kunst" pochen: Neben der umstrittenen, geliebten oder angefeindeten künstlerischen Produktion ist die Öffentlichkeit brennend interessiert am Familienleben: die Wagners, ein deutscher Monarchie-Ersatz.</P>

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