Rinnsteinpflanze in Netzstrümpfen

- Die Sehnsucht danach, eine Frau so zu formen, dass sie ganz den Vorstellungen des Mannes entspricht, ist Teil der abendländischen Geschichte und reicht vom griechischen Mythos bis zum Freud'schen Wunschtraum. Ausgesprochen genial hat George Bernard Shaw die böse Story der dressierten Frau in seinem Stück "Pygmalion" umgesetzt, das seit nun knapp einem halben Jahrhundert in der Musicalversion von Lerner/ Loewe als "My Fair Lady" volle Häuser garantiert.

<P>Auch im Theater Augsburg hofft man seit dem Wochenende auf dieses Wunder. Dort drillt Professor Higgins das Blumenmädchen Eliza vom Straßengirl zur Lady. Regisseur Georg Mittendrein hat die ursprünglich im London von 1912 angesiedelte Handlung ins Obdachlosenmilieu unserer Tage verlegt, doch wirkt vieles trotz großer Lebendigkeit konventionell und betulich. Klar und pragmatisch, wenngleich nicht besonders originell, hat Robert Schrag die Kulissen der London U-Bahn Station Opera, Higgins' Arbeitszimmer, die langweilige Fassade seines Wohnhauses oder die Ascot-Szene auf der Drehbühne angerichtet. Eliza ist eine schrille Rinnsteinpflanze in Netzstrümpfen. Ihre Kumpane sind Freaks und Punker, die mit teils fetzigen Rap-Choreographien beeindrucken.<BR><BR>Henry Higgins führt seine Phonetikanalysen mit Kassetten-Recorder und Mikrofon durch. Doch fatalerweise ließ die Haustechnik das Ensemble im ersten Akt im Stich, weshalb Dialogwitz und Pointen zu leise kamen und an Wirkung verloren. Auch sonst geriet der verbale Schlagabtausch in der unentschiedenen Inszenierung teils zäh.<BR><BR>Das Philharmonische Orchester bestritt unter Leitung von Manfred H. Lehner den knapp dreistündigen Abend mit Elan. Wunderbar der Higgins von Stefan Sevenich, der mit souveränem Bass-Bariton dem Charakter auch viel Komödiantisches verleiht. Kein gesetzter, verknöcherter Eigenbrötler, sondern eher ein untersetzter zynischer Egozentriker, eine Art Anti-Prinz.<BR><BR>Kurzfristig eingesprungen ist Birge Funke als Eliza. Auf ihrem Weg vom Aschenputtel zur Pretty Woman agierte sie vital, berlinerte charmant, war stimmlich jedoch nicht immer präsent. Rainer Etzenberg ist ein gediegener Oberst Pickering. Mit souveränem Bariton verzehrte sich Manuel Wiencke als verliebter Freddy, und Thomas Schneider spielte, sang und tanzte mit Bravour Elizas Alkoholikervater Alfred Doolittle.</P><P>Weitere Vorstellungen: 23. 4., 7. 5., 3. u. 9. 6.; Tel. 0821/ 324/ 49 00.<BR></P><P><BR> </P>

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