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Der Herr der Brote: Gerhard Müller-Rischart vor einem der Kunstwerke, die im Bürogebäude des Familienunternehmens hängen.

Ausstellung im Hauptbahnhof

"RischArt": Die Bäckerei mit der Kunst 

München - Mit Ausdauer, Brot und Datschi: Seit über 30 Jahren fördert Bäcker- und Konditormeister Gerhard Müller-Rischart Kunst im öffentlichen Raum.

Der Herr der Brote isst am Morgen Müsli. „Ich weiß – das geht eigentlich nicht. Aber dafür hole ich mir jeden Nachmittag ein Stück Kuchen. Frisch gebacken.“ Tag für Tag, gegen fünf, halb sechs, „am späteren Nachmittag für den Endspurt“. Gerhard Müller-Rischart läuft dann die paar Stufen von seinem Büro in die Backstube hinunter. Immer dem Duft nach.

Man müsste sich eine Wohnung in der Buttermelcherstraße im Glockenbachviertel mieten, denn genau dort, etwas versteckt in einem Hinterhof, liegt die Backstube des Traditionsgeschäfts. Und parfümiert die Nachbarschaft zart mit einem Duftgemisch aus Obsttorten, buttrigen Croissants und Laugenspitz. Wer den Köstlichkeiten in den Ort ihrer Entstehung folgt, bekommt viel zu schauen. In der Backhalle geht’s zu wie im Wimmelbuch: Hier knoten sie Brezn, dort schmieren sie Creme auf Tortenböden, daneben Frischkäse auf aufgeschnittene Semmeln. Die schönste Aufgabe hat vielleicht die Mitarbeiterin in der Mitte der Halle: Aus einem großen Sieb lässt sie Puderzucker auf den frisch gebackenen Zwetschgendatschi rieseln. Und über all dem hängt – Kunst. Übergroße Gemälde hat Müller-Rischart, der das Traditionsgeschäft in vierter Generation führt, aufhängen lassen. Weil noch Raum frei war, damals, 1983, bei Eröffnung der neuen Halle. Und der kunstaffine heute 71-Jährige sich dachte: „Wenn wir Backkunst machen, ist der Weg zur richtigen Kunst nicht mehr weit.“

Eins seiner Lieblingsbilder hängt im Raum ganz am Ende des Gebäudes, da, wo die süßen Teilchen in Haselnüssen gewälzt werden. Schemenhaft erkennt man auf dem roten Gemälde verführerische Köstlichkeiten. „Dieses Bild gefällt mir besonders, weil es so eine positive Ausstrahlung hat“, sagt Müller-Rischart. Doch seine Kunstliebe endet nicht in der Fabrik und im eigenen Wohnzimmer, wo allerlei moderne Kunstwerke stehen und hängen. Er ist auch ein engagierter Förderer. Seit 30 Jahren regt der gelernte Bäcker- und Konditormeister Künstler an, unter immer neuen Rahmenbedingungen Werke in den öffentlichen Raum zu bringen. „RischArt“ nennt er die Projekt-Reihe, deren nächster Streich ab Dienstag im Münchner Hauptbahnhof zu sehen ist. Für dieses Engagement wurde er 2008 mit der Medaille „München leuchtet“ in Gold ausgezeichnet. 2013 erhielten er und sein Sohn Magnus, wie der Vater Konditor- und Bäckermeister und im Familienunternehmen engagiert, den Deutschen Kulturförderpreis.

Woher kommt diese Begeisterung für Kunst? „Gewissermaßen wurde mir das in die Wiege gelegt. Schon mein Großvater hat gesammelt, meine Mutter hat viele schöne Bilder der Münchner Schule bei sich in der Wohnung aufgehängt. Sie hat es bewahrt, und ich habe es neu belebt, so vielleicht“, überlegt er laut und lächelt.

Das mittlerweile 13. RischArt-Projekt, das ab nächster Woche den Hauptbahnhof schmücken wird, beschäftigt sich – passend zum Ausstellungsort – mit dem Thema Warten. Eine Haltung, die dem Bäcker nicht fremd ist. Nicht nur, wenn’s um Hefeteig geht, zeigt sich Müller-Rischart geduldig. „Ich kann warten. Ich bin nicht ungeduldig. Warten und Ausdauer ist nicht zwingend das Gleiche, aber eine meiner positiven Eigenschaften ist Ausdauer, sagt er. „Ich bin ein ganz normaler Mensch, aber mein Erfolg ist vielleicht, dass ich ein bisserl länger durchhalte als der Durchschnitt. Wenn man langsam geht, aber in die richtige Richtung, kommt man relativ weit.“

Wer ihm beim Erzählen zuhört und sieht, wie er mit den Mitarbeitern flachst, die sich jeden Tag Brot, Semmeln und Teilchen kostenlos mit nach Hause nehmen dürfen („bei uns bekommt jeder sein täglich Brot“), der bemerkt, dass bei all der Ausdauer noch etwas zum Erfolg beiträgt im Hause Rischart: der Zusammenhalt. „Das wird bei uns groß geschrieben, dass jeder wertgeschätzt wird. Ich weiß, wie mühevoll es ist, auch in der Früh da zu sein und täglich Feines zu backen“, betont der Chef.

Wer die Marzipanfiguren sieht, die auf einem der Tische stehen, bereit für die nächste Hochzeitstorte, kann dem nur zustimmen. Die allerletzte Gewissheit, dass das hier echte (Back-)Kunst ist, liefert dann nur noch der Biss in den saftigen Datschi. Mit einem Tupfer Schlagrahm. „Der ist die Krönung.“ Der Mann muss es wissen.

„RischArt“ am Dienstag

Vom 7. bis 19. Juli im Hauptbahnhof München, täglich von 10 bis 20 Uhr.

Katja Kraft

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