Risse im Mythos

- Die Geschichte ist eine wahre Geschichte. Sie spielt im New York der 50er-Jahre, im Milieu sizilianischer Einwanderer und erzählt von einem Konflikt,dessen elementare Klarheit noch heute frappiert. Der Hafenarbeiter Eddi Carbone denunziert seine illegal arbeitenden Verwandten. Aus Eifersucht auf seinen Vetter Rodolpho, der ihm die leidenschaftliche Liebe zu seiner Nichte Cathrine streitig macht. Dabei geht es um Armut und Geld, um Jugend und Alter, um Ehre und Verrat. Und schließlich: um Leben und Tod.

<P></P><P>Der Regisseur Gil Mehmert, der am Metropoltheater in Freimann mit "I Hired a Contract Killer" eine prägnante Visitenkarte hinterließ, hat für diese strikte Struktur klare Bilder gefunden. Die Demut und Würde, die er dabei der kargen Wirklichkeit der Erzählung einräumt, macht aus diesem Abend in der Münchner Schauburg, dem städtischen Kinder- und Jugendtheater, ein Ereignis.</P><P>Die Gegensätze werden in eine feine Balance gebracht: laut und leise, rüde und zart, heiter und melancholisch. Im rhythmischen Wechsel der Stimmungen, begleitet von Live-Musik (Gerd Baumann, Jens Fischer-Rodrian), bereitet sich in den Gesichtern und Bewegungen der Figuren vor, was man von Anfang an ahnt: Dieser Konflikt ist nicht zu schlichten. Ob sie arbeiten, sich waschen, die Kleider wechseln essen oder tanzen: Jede ihrer Verrichtungen legt Zeugnis ab von dem, was sie gefangen hält oder frei macht.</P><P>Rohe, quadratische Steinplatten markieren die Spielfläche. Grobe Fugen zeigen die Risse im amerikanischen Erfolgsmythos. Der Anfang gehört einer scheuen Gruppe von Einwanderern. Mehmert übersetzt ihren Part im Americain Dream in choreographierte Arbeitsabläufe. Die Koffer werden zu Bausteinen einer neuen Welt. Später werden die Gepäckstücke das tägliche Leben der Einwanderer-Familie beherbergen. Die Entwurzelung ihres Daseins wird sinnfällig in Szene gesetzt.</P><P>"Aus dem Koffer leben" _ Mehmert und seine Bühnenbildnerin Heike Meixner führen fantasievoll vor, was das buchstäblich heißt. Die kleine Patchwork-Familie spielt sich schnell ins Zentrum der Inszenierung. Thorsten Krohn als Eddie lässt uns von der ersten Minute an einen Menschen beobachten, dem die Angst so sehr zu schaffen macht, dass die Liebe, die er empfindet, keine Kraft mehr hat. In Beatrice, dargestellt von Berit Menze, flackert die nervöse Energie einer Frau, die Schwingungen aufnimmt, ohne ihnen allerdings eine neue Richtung geben zu können. Sabrina Khalil spielt Cathrine mit der natürlichen Anmut eines jungen Menschen, der nicht bereit ist, die Härte-Erfahrungen der älteren Generation als Maßstab zu akzeptieren.</P><P>Es gibt einen Fluchtweg aus dieser lichtlosen Sphäre. Die Feuertreppe an der Brandmauer, die in eine symbolische Ober-Welt ragt. Mit sicheren Jobs, Paramount-Kinos und Green-Cards. Und die freudlose Gesellschaft der Tagelöhner? Sie werden weiter versuchen, ihren Schnitt zu machen. Um irgendwann einen Fuß auf diese Treppe setzen zu können.<BR>Das Theater verlässt man an diesem Abend ohne Hoffnung. Allerdings ist das der einzige Vorwurf, den man dieser Inszenierung machen kann. Immerhin befinden wir uns in einem Theater der Jugend.</P>

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