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Der Deutsche Buchpreis 2017 geht an Robert Menasse für seinen Roman „Die Hauptstadt“.

Deutscher Buchpreis für „Die Hauptstadt“

Robert Menasse – der Gewinner des Buchpreises im Gespräch

Am Montagabend wurde Robert Menasse in Frankfurt am Main mit dem Deutschen Buchpreis für seinen Roman „Die Hauptstadt“ ausgezeichnet. Wir sprachen vorab mit dem 63-jährigen Schriftsteller.

Wien – Robert Menasse hat ihn geschrieben – den ersten großen EU-Roman. „Die Hauptstadt“ spielt vornehmlich in Brüssel, und der Leser lernt eine Menge von Beamten kennen, die sich im dortigen Politalltag ihre Position erkämpfen müssen. Das ist von Menasse genau recherchiert, er schreibt aber auch mit Witz und Ironie. 

Was ist an der EU so sexy, dass Sie erzählen wollten, was und wie es in Brüssel abläuft?

Robert Menasse: Es ist seltsam, dass über das europäische Einigungsprojekt noch nicht literarisch gearbeitet wurde. Zum ersten Mal in der Geschichte werden in einer Stadt, in Brüssel eben, die Rahmenbedingungen des Lebens für einen ganzen Kontinent produziert. Das ist eine schleichende Revolution mit größter Bedeutung und nachhaltigen Konsequenzen. Ich saß eines Abends zu Hause im Lehnsessel, hörte Beethovens Neunte, es war der 14. Juli 2010, ich trank ein Glas Rotwein, schaute ins Kaminfeuer und wusste plötzlich: Ich muss nach Brüssel! Ich muss schauen, was da passiert. Was machen diese Eurokraten, diese Revolutionäre mit Beamtenstatus? Und ich will wissen, ob man das erzählen kann.

In Ihrem Roman gibt es viele EU-Bürokratiebegriffe für Meetings, Briefings, Besprechungen und taktische Diskussionsbeiträge, mit denen man Projekte schnell ins Jenseits befördert. Es gibt alle möglichen Typen in den langen Korridoren der Bürokratie, engagierte, zynische, aalglatte, schwermütige, Träumer und Pragmatiker. Wie lange haben Sie in Brüssel recherchiert?

Robert Menasse: Ich habe im Laufe von fünf Jahren sehr viele Gespräche mit Beamten vor allem der Kommission geführt, aber ich bin auch im Archiv der Kommission gesessen, in der Sprache der Eurokraten im sogenannten „Vatikanischen Archiv“. Da sind sehr interessante Dinge vergraben. Im Wesentlichen aber hat mich interessiert, ob man die Menschen, die da arbeiten, typisieren und zu literarischen Figuren machen kann, zu lebendigen Wesen, und nicht zu Pappkameraden. Ich wollte das Exemplarische im Konkreten erzählen, aber niemanden denunzieren.

Eine Ihre Protagonistinnen, die Griechin Fenia Xenopoulou, arbeitet sich karrierebewusst in Brüssel hoch. Da wird sie plötzlich Leiterin einer Abteilung in der Generaldirektion für Kultur. Sie ist verzweifelt, Kultur nimmt in Brüssel keiner Ernst. Die sei bestenfalls ein „Alibi-Ressort“. Steht es wirklich so schlimm um die Kultur in Brüssel?

Robert Menasse: Die Generaldirektion Kultur hat wenige Kompetenzen und daher wenig Budget. Sie ist also kein wichtiger Faktor im Gefüge der Kommission. Mir wurde erzählt, dass bei einer Sitzung der Kommissare weiterverhandelt wird, wenn die Kommissarin für Kultur auf die Toilette geht. Muss aber der Kommissar für Handel oder für Landwirtschaft aufs Klo, wird unterbrochen und gewartet, bis er zurück ist. Das liegt jedoch nicht daran, dass „die EU“ die Kultur geringschätzt. Jede Generaldirektion hat nur so viele Kompetenzen, wie die Mitgliedstaaten ihr übertragen. Es liegt also an den Ländern, dass das in Brüssel eher ein braches Feld ist. Gemessen daran hat aber die Kultur auch enorme Erfolge vorzuweisen, zum Beispiel das Erasmus-Programm oder die Verteidigung der Buchpreisbindung gegen die Gelüste von Amazon.

Wir wissen von den Initiativen der europäischen Institutionen, das Ansehen der EU wieder zu verbessern. Deshalb entsteht in Ihrem Roman ja die Idee, den runden Jahrestag der Gründung der Kommission für eine Image-Kampagne zu nutzen. Bei den geplanten Feierlichkeiten kommt das Vernichtungslager Auschwitz ins Spiel. Könnte man wirklich die müden EU-Mechanismen ankurbeln, wenn man sie mit einem „Nie wieder Auschwitz!“ konfrontiert?

Robert Menasse: Es ist einfach so, dass Auschwitz der Ort ist, an dem sich die kriminelle Energie von Nationalismus und Rassismus am radikalsten gezeigt hat und zugleich nationale Identität am radikalsten ausgelöscht wurde. Es war im Lager völlig egal, ob man Deutscher, Österreicher, Pole, Russe, Franzose oder Spanier war, alle lebten und starben im selben Verhängnis und mit derselben Sehnsucht: nach Rechtszustand, Menschenrecht und Frieden. Und eben deshalb hielt der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, seine Antrittsrede in Auschwitz. Das ist heute vergessen, aber es wird sich herausstellen: Es ist vergessen zum Leidweisen der Vergesslichen.

Ihr Roman ist äußerst facettenreich, voll von Einzelschicksalen, die durch das Brüsseler EU-Dasein zusammengehalten werden. Sollten Leser nach der Lektüre von „Die Hauptstadt“ eher Skepsis oder Wohlwollen gegenüber der Arbeit der EU-Gremien an den Tag legen?

Robert Menasse: Die Leserinnen und Leser werden hoffentlich begreifen, dass dieses große Abstraktum „EU“ ein Projekt ist, dass von Menschen mit Engagement und Eitelkeiten gemacht wird, mit Träumen und Abgründen, es wird von Menschen vorangebracht und hintertrieben, blockiert oder immer wieder neu erfunden. Und: dass man alle Europapolitik messen muss an der Idee des europäischen Einigungsprojekts und nicht an aktuellen Verwerfungen, die man zu Recht kritisieren kann, ja muss.

Das Gespräch führte Andreas Puff-Trojan.

Informationen zum Buch:

Robert Menasse: „Die Hauptstadt“. Suhrkamp, Berlin, 460 Seiten; 24 Euro.

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