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Sopranistin Elena Tsallagova  schippert in Robert Wilsons Rätsels piel über die Bühne.

PREMIERENKRITIK

„Messias“ bei der Salzburger Mozartwoche: Fragt nicht, warum

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Rätselspiele und keimfreie Assoziationsware: Robert Wilson greift beim „Messias“ für die Mozartwoche in seinen Bilderzauberkasten.

Salzburg - Die Dämme brechen schon im ersten Teil. Just, als der Chor von der Ankunft des Erlösers frohlockt, videogischtet es über die Leinwand. Man kann das nehmen als Kommentar zum Bibelgeschehen. Man kann es aber auch einfach genießen als Illustration aus einer Perfektionsmaschine, die seit Jahrzehnten die Theater mit keimfreier Assoziationsware beliefert. Robert Wilson, Regisseur, Bühnenerfinder, Lichtkünstler, hat erstmals für die Salzburger Mozartwoche (als Koproduktion mit den Sommerfestspielen) in seinen Bilderzauberkasten gegriffen. Und weil es der Festivalnamensgeber so verlangt, spielt man nicht „Messiah“ in Händels Original, sondern in Mozarts farbsatter, mit allerlei Bläserrankwerk versehenen Fassung.

Wer nach dem Warum fragt, war bei Wilson stets verloren. Und den „Messias“ als Handlung zu erzählen, verbietet sich ohnehin – kürzlich war das Gärtnerplatztheater daran gescheitert. Der 79-Jährige lädt also ein zu Gedankenausflügen, die sich mit seinen kühlen Bildern im Kopfkino verbinden. Um Vergänglichkeit drehen sich die zweieinhalb Stunden, um Jenseitsnähe, wenn sich etwa Totholzstämme herabsenken, ein Shinto-Priester posiert oder die Sopranistin auf einem Nachen die Bühne quert. Überhaupt sind die vier Solisten und ein Tänzer nicht nur szenisches Ornament: Die perfekt balancierte Ruhe lädt ein zur Konzentration auf Körper und Gesang.

Dirigent Marc Minkowski zündelt an der Partitur

Dass vieles Wilson-Konfektion ist, dass diese Ästhetik auch oft sehr um sich kreist, bleibt ein Problem. Man blickt also auf ein meist leeres Lichttheater, in dem wenige Zeichen als Sensation ausgestellt werden. Mal tanzt ein Heuhaufen durchs Bild, Tenor Richard Croft gibt den augenzwinkernden, mephistophelischen Entertainer als Zwanzigerjahre-Zitat. Gelegentlich schlurft ein stummes, langbärtiges, sympathisches Herrgottchen vorüber – ironische Brechungen, die dem Abend nur guttun.

Die Sänger, meist in Ruhe gelassen, machen ihre Sache gut. Und doch kann nur Altistin Wiebke Lemkuhl rundwegs überzeugen. Als Muttersprachlerin ist sie die Einzige, die den deutschen Text reflektiert und ihn dementsprechend mit Tönen amalgamiert: Ihr „Er ward verschmähet“ ist der Höhepunkt der Aufführung. Elena Tsallagova (Sopran) verschafft sich mit substanzreicher Stimme Raum und Aufmerksamkeit, Tenor Richard Croft und Bassist José Coca Loza wurden mutmaßlich für ihre Koloraturfähigkeit gebucht. Der  Philharmonia Chor Wien schlägt sich wacker, erreicht aber nicht das ortsübliche Niveau. Das Timing in den raschen Tempi stimmt, ein paar Mal kommt es allerdings zu robusten Momenten und Intonationsausrutschern: Wer den „Messias“ auf die Bühne bringt, muss beim Chor – anders als in Opernaufführungen – bar bezahlen.

Dirigent Marc Minkowski bildet den Gegenpol zu Robert Wilson. Wo sich die Szene dem Gefrierpunkt nähert, lässt er die Les Musiciens du Louvre an der Partitur zündeln. Wer bislang fremdelte mit Mozarts Bearbeitung, sieht und hört sich bekehrt: Minkowski erreicht zwar allenfalls nach der Pause  die  Turbowerte  seiner CD-Einspielung (der Originalfassung). Farbauftrag, Swing, Plastizität  des  Klangs und das gewisse musikantische Etwas, überhaupt eine dogmenfreie Musizierlust, all das überrumpelt und beschert großes Hörvergnügen. Zum „Halleluja“ bersten dann die Eisberge, während ein Astronaut durch den Chor taumelt; am Ende finden sich Tenor und Alt zu trauter Zweisamkeit. Logik? Es gibt weiß Gott Wichtigeres.

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