Römer sind Russen

- Wer Shakespeares "Titus Andronicus" im Residenztheater gesehen, wer ihn sich dazu noch im Münchner Volkstheater einverleibt hat, wer also einigermaßen sattelfest in der Schlachteordnung des großen Elisabethaners ist, der wird etwas anzufangen wissen mit Münchens drittem "Titus": Schau an, so puritanisch, streng und reduziert, so blutleer lässt sich das auch spielen.

<P>Dem unvoreingenommenen Besucher jedoch dürfte es schwer fallen, sich in dem zurechtzufinden, was da auf der Bühne andeutungsweise abgehandelt wird. Denn als gäb's nichts anderes, präsentieren nun auch die Münchner Kammerspiele dieses Stück. "Titus" zum Dritten. Allerdings in der Bearbeitung von Heiner Müller.<BR><BR>Mitte der 80er-Jahre nutzte der so oft unverstandene wie unverständliche Autor Shakespeares Drama als Folie und das alte Rom als Symbol zur Darstellung des Zerfalls der kapitalistischen Weltmetropole. "Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar" nannte er sein Stück. Aber anscheinend ist der arme Müller, der aggressivste Dramenplünderer des 20. Jahrhunderts, selbst schon so etwas wie ein Klassiker geworden. </P><P>Sein Werk scheint dem Regisseur aus Holland, Johan Simons, überholt. Denn zum Terror der Macht hat sich im 21. Jahrhundert der Terror der Ohnmacht gesellt. Und das meinte er nun, der Heiner-Müller-Fassung aufpfropfen zu müssen. Am klügsten wäre es da gewesen, auf dieses Unternehmen ganz zu verzichten. Hat man aber nicht. Stattdessen wurde eine Chiffre gesucht und gefunden, die diesem Text Heiner Müllers den aktuellen Rahmen gibt: das Musicaltheater in Moskau, das vor einem Jahr wegen der spektakulären Geiselnahme durch Tschetschenen zu traurigem Ruhm gelangt war.<BR><BR>Doch um das als Grundlage der Inszenierung zu kapieren, muss vorher das Programmheft gelesen werden. Sonst versteht wohl niemand, warum die Bühne einen Zuschauerraum darstellt, in dem sich die Schauspieler in den weitgehend leeren Parkettreihen lümmeln, warum sie immer wieder auf den Sitzen einschlafen, warum der Titus-Darsteller schweren Herzens quasi zum Wortführer der Truppe wird und warum wir, die Zuschauer, sozusagen Mitgefangene sind.<BR><BR>Denn draußen auf der Maximilianstraße, dem Theater gegenüber, rüsten sich zwei auffallend getarnte Gestalten zur Besetzung des Schauspielhauses. Live mitzuerleben. Nämlich von Anfang bis Ende der Aufführung ist auf der Rückwand der Bühne per Videokamera der direkte Blick auf Münchens Nobelboulevard geschaltet. Passanten, Autos und die Linie 19 - manchmal ist das interessanter als diese gespielte Lethargie der Schauspieler.<BR><BR>Denn, immer die Kenntnis des Programmhefts vorausgesetzt, schnell hat man begriffen: Die Römer sind die Russen, die Goten sind die Tschetschenen. Zum Beatles-Song "Back in the USSR" hebt sich das Bühnenpodest mit den Sitzreihen in Steillage; einen Moment scheint alles erlaubt. </P><P>Die Schauspieler keilen sich und kopulieren, sie klammern sich an ihren Sitzen fest, einige stürzen und sterben, nur der Titus-Darsteller erwartet im Zwischengang des Kammerspiele-Parketts die Goten von der Maximilianstraße.<BR><BR>Das hat Regisseur Simons alles fein und genau ausgetüftelt. Und André Jung ist ihm ein ausgezeichneter Protagonist, der als Titus immer das Zweifeln, das Verhaltene, die Andeutungen des Textes, die Schwere seines Auftrags mit dem Augenzwinkern des Schauspielers absolviert. Alle anderen Darsteller bleiben Staffage. Johan Simons sollte wiederkommen und ein anderes, ein besseres Stück inszenieren.<BR></P>

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