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Roland Emmerich auf dem Münchner St.-Jakobs-Platz. Der Hollywood-Regisseur kam in die Stadt, um den Dokumentarfilm „35 Cows and a Kalashnikov“ vorzustellen, den er produziert hat.

Interview mit dem Hollywood-Regisseur

Emmerich: „Hätte nicht den Mut von Pussy Riot“

München - Hollywood-Regisseur Roland Emmerich über den „Stonewall“-Dreh, Protest gegen Putin und Hilfe für den Nachwuchs. Ein Interview.

Roland Emmerich ist entspannt: Gerade hat er einem Fernsehteam auf dem St.-Jakobs-Platz ein Interview gegeben, jetzt plaudert der gebürtige Stuttgarter im Foyer des Jüdischen Museums. Der Hollywood-Regisseur ist nach München gekommen, um beim Internationalen Dokumentarfilmfest „35 Cows and a Kalashnikov“ vorzustellen; er hat den Film produziert. Ossie von Richthofen porträtiert darin afrikanische Männlichkeitsrituale. Emmerich, Jahrgang 1955, wurde durch Blockbuster und Katastrophenfilme wie „Independence Day“ (1996), „Godzilla“ (1998), „The Day After Tomorrow“ (2004) oder „2012“ (2009) berühmt. Gerade bereitet er „Stonewall“ vor; die Dreharbeiten beginnen in den nächsten Tagen. Der Film erzählt, wie im „Stonewall Inn“, einer Kneipe an der Christopher Street in New York, die Schwulen- und Lesbenbewegung entstand. 1969 wehrten sich Homosexuelle hier erstmals massiv gegen willkürliche Diskriminierungen durch den Staat. Mit dem Christopher Street Day erinnern Schwule und Lesben auf der ganzen Welt bis heute an die damaligen Proteste. Wir sprachen mit Roland Emmerich über sein Filmprojekt.

Es gibt mit „Stonewall Uprising“ (2010) von Kate Davis und David Heilbroner bereits einen guten Dokumentarfilm über die schwul-lesbische Protestbewegung, die 1969 in dieser Kneipe entstand. Sie haben sich für einen Spielfilm entschieden. Warum?

Ein Dokumentarfilm kann vielleicht viel mehr über ein Thema erzählen als ein fiktionaler Film. Aber ein Dokumentarfilm kann die Zuschauer nicht emotional in eine Geschichte ziehen. Das will ich aber mit „Stonewall“ erreichen. Dazu gehe ich in den Mikrokosmos, zu den Kindern, von denen die Proteste ausgingen. Ich versuche, den Film so zu erzählen, dass der Zuschauer die Ereignisse durch die Augen von vier oder fünf Jugendlichen erlebt.

Die Protagonisten waren zwischen 15 und 21 Jahre jung und politisch kaum sozialisiert...

Die waren überhaupt nicht politisch. Die hatten einfach irgendwann die Schnauze voll. Das war damals ein Phänomen der Zeit: die Afro-Amerikaner, die Frauen, die Gegner des Vietnamkriegs – alle haben angefangen, auf den Putz zu hauen. Da wurde es langsam Zeit, dass sich die Homosexuellen auch zu Wort melden.

Was jedoch mit großen Ängsten verbunden war.

Das spielt im Film nur eine kleine Rolle, muss aber erzählt werden: Die politisch Engagierten hatten irre Angst, dass im Zuge des Protestes plötzlich etwa das Haus einer old lady angezündet wird – und die Schwulenbewegung dadurch um zehn Jahre zurückgeworfen werden könnte. Das ist aber nicht passiert. Und dann ist genau das Gegenteil eingetreten: Es ist Stolz entstanden. Das war der Ursprung der gay liberation, der politischen Lesben- und Schwulenbewegung. Bis zum Stonewall-Aufstand hat es nur zwei oder drei Schwulenorganisationen gegeben – ein Jahr später waren es allein in Amerika 700 oder 800.

Die Proteste brachten die Befreiung...

Das war eine echte Befreiung, ja. Die letzte Szene unseres Films wird sein, wie 200 ängstliche Menschen zum ersten Protestmarsch vom „Stonewall Inn“ zum Central Park aufbrechen – und hoffen, dass ihnen unterwegs nichts passiert. Als sie ankommen, sind es 10 000. Danach wurde es eine weltweite Bewegung.

Ist das Mainstream-Kino bereit für eine solche Emanzipationsgeschichte?

Das ist mir wurscht. Immer mal wieder gibt es Filme zu diesem Thema, die auch die Masse der Zuschauer erreichen: „Brokeback Mountain“ hat es geschafft, „Milk“ hat es geschafft. Aber „Stonewall“ ist ganz anders als diese beiden – ein viel persönlicherer Blick.

Wissen Sie schon, wann Sie den Film in die Kinos bringen?

Nee. Wir haben auch noch keinen Verleih. Wir haben gesagt, wir fangen mal ganz unabhängig an. Ein Studio würde uns nur Dinge vorschreiben, die wir nicht machen wollen.

Ich würde gern bei politischen Themen bleiben: Sie haben sich – gerade in den Sozialen Medien – sehr für Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina von Pussy Riot eingesetzt. Würde es Sie reizen, die Geschichte dieses Protests gegen Putin zu verfilmen?

Natürlich will jetzt jeder einen Film über Pussy Riot machen. Zum Beispiel ist Madonna hinter den Frauen her. Ich habe ihnen gesagt: „Macht mal langsam, lasst Euch nicht verheizen und nutzt Euren Ruhm, um vielleicht selbst etwas auf die Beine zu stellen.“ Ich versuche, ihnen zu helfen, sie auch ein bisschen zu beschützen vor Vereinnahmungsversuchen. Die kommen nämlich ganz schnell. Ich bin ein absoluter Bewunderer der beiden Frauen. Ich könnte das, was sie machen, nicht. Ich hätte ihren Mut nicht.

Halten Sie es für eine gute Idee, dass die beiden nun fürs Moskauer Stadtparlament kandidieren?

Wenn wir uns die Entwicklung der Grünen in Deutschland anschauen: Das war zunächst eine gesellschaftliche Bewegung. Die Menschen haben gegen konkrete Projekte protestiert – etwa gegen die Startbahn West und solche Sachen. Daraus wurde eine politische Partei, die irre viel bewegt hat: Heute haben die CDU, die SPD, die FDP grüne Anteile in ihren Programmen. Das mussten sie machen, weil sie sonst Wähler verloren hätten. Vielleicht gelingt es Pussy Riot ja auf ähnliche Weise zu verhindern, dass in Russland Extremeres passiert. Russland ist heute ja fast schon zum persönlichen Königreich eines Mannes geworden.

Hätten Sie nicht Lust, selbst den „Pussy Riot“-Film zu inszenieren?

Vielleicht. (Pause.) Nein, ich glaube nicht. Ich weiß schon genau, was ich in der nächsten Zeit alles machen werde: „Stonewall“, die Fortsetzung von „Independence Day“ und einen Film, der heißt „Maya Lord“ und basiert auf John Coe Robbins’ historischem Roman.

Sie sind ganz schön ausgebucht.

(Lacht.) Ich bin total verplant. Vielleicht werde ich auch noch mit Jon Robin Baitz, dem Drehbuchautor von „Stonewall“, dessen Theaterstück „Other Desert Cities“ verfilmen. Es spielt in den Siebzigerjahren in Palm Springs, als Ronald Reagan Gouverneur von Kalifornien war. Das Stück müssten wir zwar stark umschreiben, aber ich habe schon ein paar Ideen, wie man das machen könnte.

Sie haben aktuell den Dokumentarfilm „35 Cows and a Kalashnikov“ produziert. Zuletzt waren Sie zudem als Produzent für Marco Kreuzpaintners „Trade“ und den Endzeit-Thriller „Hell“ von Tim Fehlbaum tätig. Das sind ganz unterschiedliche Produktionen. Was muss ein Projekt haben, damit es Sie überzeugt?

Das Thema muss mich reizen. Meistens entstehen solche Projekte aus Unterhaltungen. Ich wollte schon immer mal etwas machen über Kinder als Arbeits- oder Sexsklaven. Das ist wirklich ein Riesenproblem. Ich konnte diesen Film aber nicht selbst drehen. Damals war Marco Kreuzpaintner bei mir zu Besuch, hat das Drehbuch dazu gelesen und gefragt: „Kann ich das machen?“. Bei „Hell“ war es so, dass Tim Fehlbaum mir erzählt hat, dass er einen Genre-Film über Zombies machen will. Ich habe ihm gesagt, dass mir die Zombie-Idee nicht so gut gefällt. Ich hatte damals gerade zur Vorbereitung von „2012“ ein Buch gelesen, in dem es darum ging, dass die Sonne so heiß wird, dass sie alles Leben auf der Erde vernichtet. Über diesen Gedanken haben wir am Küchentisch geredet – daraus ist „Hell“ entstanden.

Kreuzpaintner und Fehlbaum standen beide am Anfang ihrer Karriere, als Sie ihre Filme produziert haben. Ist das Ihre Art, den Nachwuchs zu fördern?

Ja! Das geht wohl jedem so: Wenn du ein bisschen älter wirst, sagst du: Ich habe viel Erfolge gehabt, ich bin sehr vermögend – natürlich will ich etwas zurückgeben.

Was können junge Regisseure am ehesten von Ihnen lernen?

Die sind alle geschockt, wie fleißig ich bin. (Lacht.) Mir wird’s langweilig, wenn ich nichts tue. Aber so war schon mein Vater. Ich komme total nach meinem Vater.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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