Problematischer Versuch mit Händel: Rolando Villazón feiert gerade sein zweites Comeback. foto: Dt. Grammophon/ Broede

Rolando Villazón in München

München - Es ist das zweite Comeback innerhalb kurzer Zeit: Mit einer Händel-Tournee meldet sich Rolando Villazón derzeit aus der Zwangspause zurück. Am Montag gastierte er in der nicht ausverkauften Münchner Philharmonie – und erntete erwartungsgemäß Standing Ovations.

Was bleibt, sind Gedankenspiele: Und wenn er von Anfang an darauf gesetzt hätte? Auf Barockes und Wiener Klassik statt Stimmband- und Nervengefährdendes à la Verdi und Puccini? Womöglich wäre ein hochachtbarer, jugendlich brennender Idomeneo aus ihm geworden, ein intensiv glühender Bajazet. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Und wenn Rolando Villazón nun auch in München zu Händel greift, dann schmeckt dies nach Repertoirewahl aus Notwehr. Nicht mehr ein druckvoller Vokalkiller sollte es also nach der Genesung sein, sondern etwas Leichtes, Entspannteres: Was für ein Irrtum. Und welch Verkennen, was Barock eigentlich ausmacht, was er stimmlich bedeutet und erfordert.

Dabei, und auch das hat sein Münchner Auftritt gezeigt, braucht die versteifte Klassikwelt einen wie ihn dringender denn je. Einen, der mit dem Publikum flirtet, der der Dame in der ersten Reihe eine Blume schenkt. Den es aufgekratzt zur szenischen Darstellung drängt. Der die Arme auseinanderreißt, als wolle er den Gasteig umarmen. Der am Ende die britischen Gabrieli Players einzeln umarmt und abbusselt und der dann, spät aber doch, das Haus zu Standing Ovations bringt. Der erste Tenorissimo des 21. Jahrhunderts: so sympathisch wie kaum einer sonst – und weiterhin, man registriert es betrübt, so gefährdet wie kein anderer Star-Kollege. Denn warum ausgerechnet Händel? Das Programm ist ein Kompromiss. Der Meister hat kaum etwas für Tenor hinterlassen, unter anderem den spitzentonlosen Bajazet aus „Tamerlano“. Villazón greift also dazu noch zu Transpositionen von Mezzo- und Counter-Rollen. Doch ob „Xerxes“ oder „Ariodante“: Die Stimme des Mexikaners bewegt sich hörbar auf fremdem Terrain. Nicht unbedingt stilistisch: Der Extremausdruck, das Pathos passt ja zu Partituren, die in einer Zeit entstanden, in der sich etwa die Maler in drastischen Darstellungen überboten. Aber was hilft’s, das meiste liegt Villazón zu tief. Die Grauwerte überwiegen: Statt die Stimme mit Kopfklang-Beimischung geschmeidig, tragfähig zu machen, arbeitet Villazón mit Druck oder lässt sich in ein glanzloses Mezzoforte zurückfallen. Ohnehin war ja sein Tenor noch nie optimal zentriert, hatte keinen stabilisierenden „Kern“. Doch wo in der italienischen Oper mit Forcieren und effektvoller Dramatik auf Kredit gesungen werden kann, verlangt Händel Bares. Und da bietet Villazón zu wenig: Die Linien werden farbarm gezeichnet, Koloraturen funktionieren nur ab der oberen Mittellage gut. Zudem sind große Intervallsprünge nicht optimal abgesichert. Ergebnis ist ein resonanzarmes, mattes Singen, das, so darf vermutet werden, die Hörer in den Blöcken N oder P nur rudimentär erreicht.

Zur problematischen Gestaltung gesellt sich also das Saalproblem: Händel mit Villazón, vor allem mit den klein besetzten Gabrieli Players, das hat im Gasteig etwas von Flohzirkus. Wenigstens lässt sich das hervorragende Ensemble unter Paul McCreesh nicht zum grimassierenden Spiel verleiten. Wohl abgeschmeckt, elegant und stilistisch fein erfühlt sind Arien-Begleitungen, Concerto Grosso op. 3 Nr. 2 und das dritte Oboenkonzert (mit Katharina Spreckelsen). Als dann Lucy Crowe in zwei Arien von Todesweh und wiedererstandener Lust der Kleopatra singt, kommt es zum Aha-Effekt: Genau so muss Georg Friedrich Händel sein. Und der gefeierte Kollege? Kehrt im Juli mit seiner Stammpartie Nemorino an Bayerns Staatsoper zurück – und vor allem im Herbst mit dem Liederprogramm „Mexico“. Wieder so ein Versuch. Auch wenn Stimme und solch Repertoirewahl, man wagt es kaum zu denken, irgendwie nach Karriereabschied klingen.

Markus Thiel

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