Rolf Boysen

Rolf Boysen: „Das erfüllt mich mit Dankbarkeit“

Zum 90. Geburtstag an diesem Mittwoch: Ein Interview mit Theaterschauspieler Rolf Boysen über Theater, Moden, Qualität und München.

Rolf Boysen – man darf wohl sagen, der beste Theaterschauspieler unserer Zeit – feiert heute seinen 90. Geburtstag: auf der Bühne. Mit der Lesung aus seinem Werk „Nachdenken über Theater“ (Residenztheater, 20 Uhr, mit musikalischer Begleitung). Boysen, seit 60 Jahren im Dienst an der Kunst, prägte das Theater auf zutiefst kluge und zutiefst aufklärerische und zutiefst menschliche Weise. Ob bei Shakespeare oder Achternbusch, ob bei Kleist oder Bernhard, seine Menschengestaltungen sind unvergesslich. Genauso wie seine Lesungen der Weltklassiker von der „Ilias“ bis – kürzlich erst – zum „Parzival“ (Hörbücher). Mit ihnen erobert er die Bühne erneut, von der er sich als Schauspieler zurückgezogen hat.

Genau am Tag Ihres 90. geben Sie eine Lesung aus Ihrem Buch „Nachdenken über Theater“ (Verlag der Autoren). Sind Sie so theaternarrisch, dass Sie es selbst am Geburtstag nicht lassen können?

Das ist das Beste, was man machen kann. Noo ja, das habe ich schon oft erlebt, dass ich an meinem Geburtstag auf der Bühne gestanden habe, da vergießen wir keine Tränen... Wir kriegen ja auch Geld dafür. Wenn man das über 60 Jahre macht, verschwendet man nicht viele Gedanken daran. Wir sind das beide gewohnt, meine Frau und ich. Sie wird heute nicht – das hat sie gesagt – mit ins Theater kommen.

Was haben Sie für heute Abend ausgewählt?

Es wird Fachliches dabei sein übers Theater und Assoziatives über Figuren. Genau eine Stunde. Dorfrichter Adam, Macbeth und Lear natürlich. Aber da dürfen Sie mich nicht so festlegen – ich ändere sicher noch etwas.

In „Nachdenken über Theater“ ist es das Anekdotische, die Lebenserfahrung, die sich mit einer theoretischen Reflexion verbindet.

Ein bisschen komme ich zu kurz mit dieser einen Stunde, aber ich weiß auch, dass man nicht länger werden darf. Da muss ich sehen, dass ich etwas lese, was allgemein begreifbar ist. Man sitzt ja nicht vor Fachleuten. Ich fange an mit dem Text „Vor der Vorstellung“: So wie ich das mache, wie ich mich vorbereite, welche Einstellung ich habe. Das erzähle ich... über Konzentration und ganz am Rande über den Text. Ich nenne das „ein sanftes Überredungsritual“ – vom Privatleben hineinzukommen in die Vorstellung.

In Ihrem Theater-Buch kommen der Theoretiker Boysen, der Künstler Boysen und der Mensch Boysen zusammen. Wo sind die Schnittstellen, wie wichtig sind die verschiedenen Boysens, die sich da treffen, für die Kunst?

Die werden zusammengehalten durch ein ganz bedeutendes Element. Das ist der Text. Er ist für mich das Ranghöchste. Ich bin ein Gegner von zu viel Emotion und von übertriebenem Naturalismus. Das kann ich überhaupt nicht ausstehen. Der Text ist für mich das Wichtigste. Denn jede Figur entsteht nur aus dem Text. Klar, wenn wir den nicht hätten, gäb’s nichts zu spielen.

Das bedeutet, dass die Qualität des Textes das Wichtigste ist.

Ja.

Sie gehören zu der Generation, die den Krieg in voller Länge mitgemacht und ihre Jugendjahre verloren hat. Wie prägt einen das in Bezug auf die Kunst?

Geprägt wird man davon ohne Frage. Das waren immerhin sechs Jahre! Bei meiner Lesung kommt auch ein Abschnitt über den Entlassenen vor.

Ihr Mut ist zu bewundern, damals nach dem Krieg sich kein sicheres Auskommen zu suchen, sondern ans Theater zu gehen.

Das hat mein Vater auch so gesehen, aber er war zumindest wohlwollend. Meine Mutter war eher abgehoben... Natürlich, es hat in mir geschlummert schon von der frühesten Jugend an, aber ich hätte das nie zuhause sagen können. Ich musste etwas Reales machen und wurde in die kaufmännische Lehre geschickt. Die hat aber nur ein Jahr gedauert, dann wurde ich Soldat. Ich kam zurück und dachte: Das ist der gute Absprung. Im Krieg hatte ich einen Regisseur kennengelernt. Nach dem Krieg meinte er: „Komm mal runter (nach Dortmund, Anm. d. Red.) und sprich vor.“ Dann hatte ich auch so ein bisschen das „Glück“, dass viele ältere Schauspieler an dem Haus noch nicht wieder zurückgekehrt – oder gefallen waren, sodass ich schnell ins größere Fach geriet. Die Position des Anfängers habe ich nie richtig mitgemacht.

Sie haben die bedeutendsten Rollen der Theaterliteratur gespielt und die größten Werke der Weltliteratur gelesen.

Das ist ein Erlebnis. Das ist unglaublich reizvoll und schön. Es ist auch richtig wunderschön, es zu machen, weil einen der Text trägt. Sogar während des Lesens gehen einem noch Besonderheiten auf. Überhaupt: Sprache ist ein großes Geheimnis. Es macht Freude, sich damit zu befassen. Das liegt vielleicht auch an dem Rhythmus, an der Form des Versmaßes. Durch das ganze „Nibelungenlied“ etwa geht der gleiche Rhythmus.

Wenn Sie lesen, werden die Menschen ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit. Wie erleben Sie den Moment?

Man wird zum Instrument. Das finde ich schön. Die alten Texte sind heutig. Sie haben ihre Geltung bewahrt bis zum jetzigen Tage. Nun kann ich Mittelhochdeutsch, ich hab’s in der Schule gelernt, und das hilft mir natürlich sehr... „Uns ist von alten maeren/ wunders vil geseit...“ Im Übrigen bemerke ich beim Publikum eine große Sympathie, die mir entgegenkommt. Das erfüllt mich mit einer Dankbarkeit.

Was zeichnet einen qualitätsvollen Text aus? Was muss er haben, damit Sie sich mit ihm über lange Zeit beschäftigen?

Man muss das eigentlich bescheidener sagen: Der Text hat mich für wert befunden, sich mit mir zu beschäftigen. Ein guter Text ist durch nichts zu übertreffen, durch keine Darstellung, durch nichts! Es ist eine große Wucht und eine große Gewalt, die von ihm ausgeht. Es ist ein langer Vorgang, sich mit solchen Texten auseinanderzusetzen. Ein seltsamer Vorgang, der sich zusammensetzt aus Sprache und Inhalt und nur zum Teil aus Emotion – aber mit der Darstellung der Emotion. Sie dem Publikum klarzumachen – nicht als eigene, sondern als literarische –, das ist ein toller Vorgang.

Denkt man dann darüber nach, dass man selbst auch hätte Schriftsteller werden wollen?

Ja, daran denke ich durchaus. Es macht mir Spaß, Gedanken zu formulieren. Ob das wirklich schriftstellerisch ist, will ich dahingestellt sein lassen. Aber mit der Sprache umzugehen und einen schönen Satz daraus zu formen, reizt mich schon.

Wenn man an Ihre Schriften denkt: Wären Sie gerne lehrend tätig?

Ich lasse die Finger davon. Ich wäre kein guter Lehrer. Ich hätte immer nur sagen können, Du, das darfst Du nicht machen – aber was der andere machen soll? Das ist es ja eben...

Sie haben ja sowieso die Münchner und die Bayern erzogen durch Ihr Spiel. Da entstand eine enorme Prägung.

Meinen Sie? Das ist ja dann das Höchste, was man erreichen kann. Na ja, ich bin gerne in München. Ich bin ein nordischer Münchner. 30 Jahre bin ich schon hier, glaube ich. Es ist ja eine anschmiegsame Stadt, keine abweisende. Wenn man da als spröder Hamburger herkommt, wundert man sich, dass man überall umarmt wird. Dann dieses unglaubliche Oktoberfest oder der Starkbier-Anstich. Das sind wahnsinnige Sachen... Ganz abgesehen davon, dass sich in den südlichen Regionen eine ganze Zeit lang die Weltgeschichte abgespielt hat. Das merkt man.

Während so vieler Jahrzehnte auf der Bühne hat man manche Mode erlebt.

Zu Anfang faszinieren die einen, und dann merkt man wahrscheinlich, dass der Boden nicht so gut trägt. Herbert Achternbusch gehört zu einer dieser Erscheinungen. Aber man sollte ruhig mal experimentieren auf der Bühne. Das finde ich schon berechtigt. Denn wer weiß, was da alles in den Ecken noch auszuschöpfen ist. Ich bin dafür, dass man junge Regisseure unterstützt.

Sie haben sehr lange Dieter Dorn, seinem Theater, seinem Ensemble-Geist die Treue gehalten. Warum?

Dieter Dorn ist ja aus meinem Leben gar nicht mehr wegzudenken. Es gibt ein paar Figuren, die ganz wesentlich zu meiner Entwicklung beigetragen haben. Dazu gehört Dieter Dorn, genauso wie Fritz Kortner dazugehört und schließlich und endlich ganz zu Anfang Hans Schweikart mit seiner seltsamen naturalistischen Art. Man ist schon sehr ans Ensemble gebunden, auch an die Kollegen. Wenn man bedenkt, wie lange Thomas Holtzmann und ich nebeneinander saßen in der Garderobe.

Entscheidet man sich bewusst für so eine Kontinuität?

Ich glaube, das bildet sich. Das ist nicht nur eine Sache des Willens, es muss etwas vorgehen zwischen den Menschen. Und dann kommen die bildenden Elemente der künstlerischen Seite dazu, die jahrelang von den gleichen Leuten beeinflusst werden. Das schweißt sehr zusammen.

Was ist das Typische am Dorn-Theater?

Das ist meiner Meinung nach das langsame Entstehen eines Menschen auf der Bühne, ohne zu menscheln. Und ohne Frage auch die Wertschätzung der Frauen. Ja... sehr poetisch, sehr klug, unglaublich störbar, was natürlich die Arbeit sehr konzentriert. Aber man kann auch ein schönes Glas Wein mit Dorn trinken. Das sollte man nicht vergessen.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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