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Noch freuen sich die Trojaner über das vierbeinige Geschenk: Mit einem hölzernen Pferd, so schildert es Homer, gelang es den Griechen, Troja einzunehmen (Szene aus dem Kino-Film „Troja“).

Prominente lesen Homer

Da rollen die Hexameter

Homer ist zeitlos und immer spannend. In die erneut hochgeschaukelte Dichter-Euphorie fällt auch das Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels ein. Morgen und am Sonntag liest es bei freiem Eintritt im Münchner Marstall von 10 bis 22 Uhr die „Ilias“, und zwar in der neuen Version von Raoul Schrott.

Es homert in Deutschland: „Ilias“ und „Odyssee“ haben Konjunktur, man besinnt sich auf klassische Werte. Zur großen Homer-Ausstellung in Mannheim (bis 18. Januar 2009) warf Zweitausendeins eine zweisprachige Ausgabe beider Epen in Altgriechisch und Deutsch auf den Markt. Die deutsche Übersetzung stammt, man glaubt es kaum, von dem Johann Heinrich Voss aus dem Jahre 1793 und wurde schon von Goethe bewundert. Zusätzlich enthält der verdienstvolle Band noch zwei historische Karten aus der Ausgabe von 1814 und eine Rekonstruktion des Hauses des Odysseus, die Voss selbst vornahm.
Da rollen die Hexameter, da klingen die Alliterationen, da malt die Sprache gewaltige Bilder. Voss übersetzt die ersten Zeilen der Ilias mit „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,/ Ihn, der...“ und ahmt damit fast völlig die antike Satzstellung nach. Das Buch ist augenfreundlich gedruckt, liegt trotz seines Riesenumfangs mit über 1400 Seiten leicht in der Hand, und die Zeilen sind durchnummeriert. Die griechischen Texte folgen bei der Ilias der Oxford-Ausgabe von 1920 und bei der Odyssee der Cambridge-Ausgabe von 1919. Besser und billiger kann ein Klassiker-Druck fast nicht sein.
Damit konkurriert nun der Hanser Verlag, der Homers „Ilias“ in der modernen Übersetzung von Raoul Schrott herausbrachte, allerdings ohne das griechische Original. So liest sich der erste Vers der „Ilias“ bei Schrott als „von der bitterniss sing, göttin – von achilleús, dem sohn des peleús / seinem verfluchten groll, der...“. Dazu werden die ersten zwei Zeilen des griechischen Textes in lateinischer Buchstabenumschrift angeboten. Größer könnte der Gegensatz zu der Ausgabe von Zweitausendeins nicht sein. Schrott offeriert zusätzlich zu seiner Übersetzung einen umfangreichen Kommentar von Peter Mauritsch (über 100 Seiten), ein Vorwort mit Erläuterungen zu Geschichte, Zeit, Ort, zeitgeschichtliche Vorbilder, Sprache und Schrift, Text, Vortrag, Hexameter und vieles mehr. Man hat den Eindruck, als müssten sich Vorwort und Nachwort für das Dargebotene entschuldigen.
Wie schon der Vergleich der ersten Zeilen zeigt, bietet Schrott eine eigene Nachdichtung, Voss eine ziemlich wörtliche Übersetzung an. Da hilft es nichts, dass in Schrotts Übertragung immer wieder zwei oder drei altgriechische Verse in lateinischer Schrift integriert sind. Da hilft es auch nichts, dass das Nachwort den berühmten Schiffskatalog in einer Tabelle aufweist. Es ist also, wie Homer beweist: Das Alte ist nicht unbedingt das Schlechtere, und das Modernere kann gegenüber dem Klassiker nicht bestehen. Auch wenn es mehr Geld kostet.

Hildegard Lorenz

Homer:

„Ilias & Odyssee“. Altgriechisch und Deutsch von Johann Heinrich Voss. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main, 1444 Seiten; 7,99 Euro.
„Ilias“. Übertragen von Raoul Schrott. Hanser Verlag, München, 630 Seiten; 34,90 Euro.
Lesungen im Münchner Marstall am 13. und 14. Dezember jeweils ab 10 Uhr. Einlass ist jederzeit möglich. Es lesen unter anderem Sibylle Canonica, Juliane Köhler, Lisa Wagner, Rainer Bock, Lambert Hamel, Jörg Hube, Stefan Hunstein, Thomas Loibl, Rudolf Wessely – und Intendant Dieter Dorn.

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