Da rollt der Salsa durch die Hüfte

München - Ein Ansturm von Fotografen. Blitzlichtgewitter. Und Applaus vom Publikum für US-Star Don Johnson, der zu seinem Parkettplatz geleitet wird. Wer will da knottern, dass die Show eine Viertelstunde verspätet beginnt. Immerhin gibt hier der berühmte Schauspieler, Sänger und "Miami-Vice"-Drogenfahnder dem nun im Münchner Deutschen Theater anlaufenden "Miami Nights" die Ehre.

Und dann geht es ja auch gleich animierend flott und rhythmisch rein in dieses Musical-Vergnügen, das uns mit dem Titelsong von Marvin F. Jones und Hits anderer Pop-Größen, mit Latino-Tanzbrio und charmanter Selbstironie zurückversetzt in die 80er-Jahre.

Die 80er! Knallige Mode in Pink und Türkis. Die ältere Generation eher in Denver- & Dallas-Gediegenheit. Und weltweit ein Boom der Tanzstudios, ausgelöst durch eine Renaissance des Tanzfilms. "Fame", "Flashdance", "Footloose, "Saturday Night Fever", "Dirty Dancing" - softe Geschichten, gemixt aus jugendlichen Träumen von strahlender Broadway-Karriere, kleinen Intrigen, herzrührender Liebesgeschichte und leinwandsprengenden Tanzszenen. Genau solch eine Geschichte dachte sich das Kreativ-Team Alex Balga (Idee, Songauswahl, Regie), Marcus Haselhoff und Karin Kern (Buch) aus.

Beim "Dance Contest" hat Jessica, ein hypercooles "Material Girl" (Madonnas Song), für einen sicheren Sieg den Absatz der Rivalin angesägt. Ihr Jimmy lehnt solche Tricks ab und findet in der Popcorn-Verkäuferin Laura eine neue Partnerin. Was? Eine Amateurin und dazu noch Kubanerin! Jimmys Mama, die Ex-Tänzerin Betty Miller, setzt prompt ihr Intrigenhandwerk ein. Hinreißend, wie Isabell Dörfler als Ehrgeiz-Mutter durch die Bühnenlandschaft stöckelt. Das ist überhaupt der einmalige Charme von Alex Balgas Inszenierung, dass sie Überzeichnung und Parodie kultiviert. Nur so eigentlich ist nostalgischer Schmonzes genießbar. Bei Balga flitzen die Dialoge ping-pong-schlagfertig (fast amerikanisch), und die Körpersprache darf flippig-schräg sein. Natacza Boons auf ewig langen Beinen Rache planende Jessica und Henrik Wager als abstürzender Tanzchampion Roy Fire scheinen direkt aus einem Comic-Heft herausgehüpft.

Kostüme - die ganze 80er-Jahre Modepalette! - und Maske (Gayden und Jovic-Langeleh) tragen enorm bei. Da sieht man es wieder einmal, dass eine Sache nur gut wird, wenn alle mit Liebe und Akribie bei der Sache sind. Die Bühne (Walter Vogelweider), sinnlich-bunt, verwandelt sich durch fahrbare schmale Wände wie von Zauberhand in Trainingsstudio, Tanzpalast und Cuba-Libre-Bar (übrigens: Miami ist ein Zentrum der Exil-Kubaner). Dort geht natürlich die Post ab, wenn die Gäste ihre Tanzlust explodieren lassen. Da rollt der Salsa durch die Hüfte bis zur Schulter und wieder zurück, dass der "Gringo" Jimmy erstmal Bauklötze staunt. Aber dank Laura lernt er schnell, dass Salsa nicht nur Bewegung ist, sondern vor allem - "amor".

Und auch das stimmt in dieser Show: das Ineinander von Spiel und Tanz, das eine immer Grund für das andere. Choreographin Natalie Holtom hat die Latino-Tänze Rumba, Mambo, Tango gemischt mit dem funkigen Jazzdance-Stil der 80er-Jahre. Dabei machen Arme und Hände noch so lustige Sachen wie in den Tänzen der 20er- bis 40er-Jahre, die sich Krabbe, Affe und Känguru nannten. Da ruckt und wogt und breakt das ganze Ensemble bei "Let's Dance" (David Bowie) und "The Rhythm is gonna get you" (Gloria Estefan), dass auch der Zuschauer ein gewisses Salsa-Kribbeln verspürt. Die Solisten Patricia Meeden als Laura, Felix Maximilian als Jimmy, Ava Brennan als Mercedes sind echte Musical-Künstler, können singen und toll tanzen. Auch die hier nicht Genannten und die Band waren prima und der ganze Abend einfach Spitze.

Bis 2. Dezember, Karten: 089/ 55 23 44 44.

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