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Mit seinem neuen Buch bewegt sich Paul Auster in der Tradition großer amerikanischer Entwicklungsromane.

„4 3 2 1“ ist sein umfangreichstes und bestes Buch

Die alternativen Wahrheiten des Paul Auster zu den USA

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New York - Mit seinem Entwicklungsroman „4 3 2 1“ ist Paul Auster ein virtuoses literarisches Experiment gelungen. Zugleich ist sein umfangreichstes und bestes Buch das Dokument der zerrissenen USA.

Wie kann man sich so untreu werden? 250 bis 300 Seiten umfassen seine Bestseller. Jedes Mal das Lob: Kaum ein anderer schaffe es, sich in solcher Themendichte, dabei hintergründig, minimalistisch und durchsetzt mit literarischen Experimenten an seiner Heimat USA abzuarbeiten. Doch nun dies: 1260 Seiten, das ist Paul Austers Rekord – und dann doch wieder nicht. „4 3 2 1“, so der Titel seines heute weltweit erscheinenden Wälzers, umfasst nämlich nicht einen Roman, sondern eigentlich vier.

Mit seinem Held Archie Ferguson bewegt sich Auster in der Tradition großer amerikanischer Entwicklungsromane – ein bisschen „Fänger im Roggen“, ein bisschen „Tom Sawyer“, ein wenig (um aktueller zu sein) Henry Roth. Der 1995 gestorbene Kollege zielt wie Auster auf die klassische jüdische Einwanderergeschichte. Archies Großvater stammt aus Minsk, und ein Missverständnis bescherte ihm seinen neuen Namen. Eigentlich wollte Isaac Reznikoff künftig Rockefeller heißen, gegenüber dem New Yorker Einwanderungsbeamten schlug er sich nach langen Sekunden ans Hirn: „Ich hob fargessen!“ Der Mann hinter dem Schalter verstand „Ferguson“ – dabei blieb’s.

Der Leser folgt nun Archies Kindheit im Newark der Fünfzigerjahre, bis es zur Katastrophe kommt. Vater Stanley stirbt beim Brand seines Elektromarkts. Spätestens als Stanley wenige Seiten später wieder am Leben ist, begreift man: Paul Auster erzählt die Schicksale von vier Archies. Viermal ein jugendlicher Held, geprägt vom Kampf der eigenen Hormone und vom revolutionär aufgeheizten Amerika. Vier Möglichkeiten einer Geschichte. „Was für ein interessanter Gedanke“, lässt Auster seinen Archie nach einem schweren Sturz vom Baum grübeln. „Sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe.“

Die Geschichte des Teenagers Archie in vier Versionen

Dazu kommen die unterschiedlichen Entwürfe der anderen Figuren. Einmal stirbt Papa Stanley, einmal beginnt er eine weitere Existenz als neureicher, vom Sohn abgelehnter Mr. Raffgier. Die Mutter wiederum bleibt zu Hause – oder wird eine bekannte Fotografin. Es gibt allerdings auch Konstanten in diesen Geschichten. Schnittpunkte gewissermaßen, zu denen die vier Archie-Verläufe streben und sich wieder von ihnen entfernen.

Einer davon die Familie Schneiderman, in deren Tochter Amy sich Archie verliebt. Einmal klappt es, einmal ist es ein ständiges Auf und Ab, auch weil Archie homosexuelle Neigungen entwickelt. In einer weiteren Version kann es nicht funktionieren, weil Amy nach erneuter Heirat von Archies verwitweter Mutter zur Stiefschwester wird. Und dann gibt es noch den großen historischen Zeitstrahl, in den die Archie-Existenzen eingepasst werden. Es handelt sich um die Geschichte der USA in den Sechzigerjahren. Die Ermordung von Martin Luther King und John F. Kennedy, das Schlachten in Vietnam, die Studentenproteste (an denen die Archies auf mehrere Arten teilnehmen), die ethnischen Unruhen, all dies lässt das gelobte Land in den Bürgerkrieg driften.

Eine im Doppelsinn brennende Aktualität entfaltet da Paul Austers Roman. Wie ein visionärer Kommentar auf Donald Trumps Präsidentschaft erscheint das Buch. Wieder einmal waren die Vereinigten Staaten schließlich durch vordemokratische Lügen-Politiker der Zerreißprobe ausgesetzt, nur dass diese damals nicht per Twitter und Notverordnungs-Dekrete regierten. Auster erinnert daran, wohin das alles führen kann – Blut ist gottlob in der gerade anbrechenden dunklen Periode noch keines geflossen.

Wie Auster die Fülle an fiktiven Details und historischen Fakten bewältigt, verknüpft und mit ihnen immer wieder jongliert, ist verblüffend virtuos. Dazu hat er sich einen etwas anderen, weniger spitzfindigen Stil zugelegt. Keiner muss Angst haben vor diesem dicken Buch, es ist sehr süffig geschrieben. Die weiten Problemfelder, auch die formalen Puzzeleien werden dem gebannten Leser förmlich untergejubelt.

Raffinierte Einblicke in die Schreibwerkstatt

Auch auf 1260 Seiten bleibt sich Auster treu. Die Existenz verschiedener Wirklichkeiten, das Hinterfragen von Realität, das Spiel mit der Wahrheit, all das ist nicht neu im Œuvre des Schriftstellers. Zudem spielt Autobiografisches wieder eine große Rolle. Archie teilt mit seinem Schöpfer das Geburtsjahr 1947 und den vorübergehenden Wohnort Newark. Auster, der an diesem Freitag 70. Geburtstag feiert, ist ebenfalls Sohn jüdischer Immigranten. Und die Leidenschaft für Basket- und Baseball ist (für Außenstehende auf oft penetrante Weise) auch in „4 3 2 1“ eingeflossen.

Wenig überraschend schließen sich diese Archies, allesamt smarte Intellektuelle, der schreibenden Zunft an, als Journalist oder als Jung-Schriftsteller mit bester Prognose. Auster kann auch hier das Konstruieren nicht lassen. Mehrfach schiebt er Fragmente aus Archie-Romanen ein, gestattet damit Einblicke in die Autorenwerkstatt. Nicht zuletzt verarbeitet Auster ein Jugenderlebnis: Als Teenager musste er miterleben, wie ein Freund an einem Blitzschlag starb – eine Archie-Variante findet einen ähnlichen, tragisch frühen Tod.

Dass man „4 3 2 1“ die Absicht anmerkt, ein Opus summum sein zu wollen, springt einem aus fast jeder Seite entgegen. Geschenkt. Dass es im Nachzeichnen der vier Schicksale Redundanzen gibt, fällt ebenfalls kaum ins Gewicht. Entscheidend ist ja anderes. Was macht den Menschen zu dem, was er ist? Kann er sich Determinanten wie Genen, Milieu oder Erziehung widersetzen? Welche Entscheidungen sind autonom? Monumentale Fragen werden da aufgeworfen – und auf erstaunlich lockere, listige Weise durchgespielt. Paul Austers „4 3 2 1“ ist das epische, mit Raffinesse ausgebreitete Gegenstück zu den Essays mancher Sozialphilosophen. Und deshalb sein bestes Buch.

Paul Auster:
„4 3 2 1“. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek, 1260 Seiten; 29,95 Euro.

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