Mann verletzt mit Messer mehrere Menschen am Rosenheimer Platz: Täter flüchtig

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Symbol eines neuen Jahrtausends: Jonathan Franzens Roman „Freiheit“ ist die Chronik eines Amerika, das sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verändert hat. Am „Ground Zero“ (im Bild) sind die Spuren noch deutlich sichtbar.

Roman einer Epoche: Amerikas Freiheit nach dem 11. September

München - Generationendrama, Roman einer Epoche, Melodram eines Landes, Gleichnis des amerikanischen Selbstbetrugs. Und das auf 731 Seiten. Der Mann traut sich was.

Zehn Jahre hat sich Jonathan Franzen nach seinem Bestseller „Die Korrekturen“ Zeit gelassen. Nun scheint Amerika offensichtlich reif zu sein für eine weitere Aufarbeitung der Wirklichkeit.

Ähnlich wie in den „Korrekturen“ widmet Franzen das gesamte Buch einer einzigen Familie: Waren es vor zehn Jahren die Lamberts, eine Mittelschichtsfamilie aus dem Mittleren Westen, dreht sich in „Freiheit“ alles um die Berglunds, ebenfalls Vertreter des typischen amerikanischen Mittelstandes. Und da der immer eher langweilig erscheint, gewinnen die Berglunds rechte Größe auch erst in ihrem finalen Scheitern. Noch deutlicher als in den „Korrekturen“ treiben die einzelnen Familienmitglieder die Handlung des Romans voran. Weshalb es auch nicht mehr um die Fehler der Elterngeneration geht, sondern um diejenigen, die man selbst macht.

Leichtfüßig-ironisch und sehr detailreich beschreibt der US-Autor seine Protagonisten, jedem gewährt er kapitelweise Raum zur Persönlichkeitsentfaltung: Da gibt es die Mutter Patty, „eine freundliche Biene“, „notorisch abgeneigt, gut von sich selbst und schlecht von anderen zu sprechen“, und absolut vernarrt in ihren Sohn Joey. Vater Walter, Fahrrad- oder Volvofahrer und „grüner als Greenpeace“. Dazu kommen die wohlgeratenen Kinder Joey und Jessica sowie der Hausfreund Richard Katz, Frauenheld, Indierocker und engster Freund des eher tranigen Gutmenschen Walter. Daneben treten die auf den widerspenstigen Joey fixierte, frühreife Nachbarstochter Connie sowie die bengalische Lolita Lalitha auf, die schließlich dem alternden Walter den Kopf verdreht.

Bildete in den „Korrekturen“ Alfred, ein Mann, den eigentlichen Nabel der Geschichte, so stehen in „Freiheit“ die Frauenfiguren, so unterschiedlich sie auch sind, im Zentrum des Geschehens, das sich von der Reagan-Zeit bis zu George W. Bush spannt. Eigentlich nicht nur die Frauenfiguren, sondern auch der Sex, den sie haben. Ohne Prüderie oder Peinlichkeit schreibt Franzen so darüber, wie Sex eben stattfindet. Laut oder leise, beiläufig oder lang ersehnt, pflichtschuldig oder leidenschaftlich. Vieles erinnert dabei an den frühen Philip Roth oder John Updike, und es wird deutlich, dass Franzen mit seinem alles umspannenden Titel natürlich auch die sexuelle Befreiung meint. Denn die führt ebenso wie die gesellschaftliche und ökonomische Freiheit zu einem immer enormeren Leistungsdruck, dem schließlich kaum einer der Berglunds mehr standzuhalten vermag. Alle zweifeln an ihren Entscheidungen und Beziehungen, suchen ihr Heil stets in der Flucht und übersehen dabei die schließliche Liebesmoral Franzens, die er seine Heldin Patty allerdings bei der Lektüre von Tolstois „Krieg und Frieden“ erkennen lässt.

Doch der von Franzen scharf kritisierte Optimierungswahn, der die Welt in den letzten Jahrzehnten immer stärker packte, erweist sich in „Freiheit“ nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene als Fluch. Das Private ist bei dem bekennenden Demokraten und Umweltschützer Franzen immer politisch, und so ist „Freiheit“ auch eine glasklar erzählte, vielschichtige Chronik dieses ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends. Als die USA nach den Anschlägen des 11. September der Welt zeigen wollte, wo es lang geht. Und als schließlich alles ganz anders wurde, als es sich der Präsident gedacht hatte. Walters bitteres Fazit ist denn auch die Erkenntnis: „Das, was einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.“

Was Struktur und Sprache des Romans angeht, ist Franzen wagemutiger geworden. Erschien einiges in den „Korrekturen“ noch sehr effekthascherisch, experimentiert Franzen in „Freiheit“ viel origineller mit verschiedenen Textformen und Perspektiven. Doch trotz aller politischen Anspielungen und sprachlichen Wagnisse vermittelt der kunstvoll gewobene aber zugleich leicht lesbare Text eine freundliche Behaglichkeit, die den Leser ähnlich gut unterhält wie eine anspruchsvolle Fernsehserie.

Ulrike Frick

Jonathan Franzen: „Freiheit“, Rowohlt Verlag, 731 Seiten, 24,95 Euro.

Ulrich Matthes liest eine gekürzte Fassung auf einem Hörbuch des Hörverlags (15 CDs).

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