Romane bevorzugt

- Zum Jahresende darf der Buchhandel auf Harry Potter anstoßen. Bis Silvester wird sich Joanne K. Rowlings sechster Band etwa zwei Millionen Mal auf Deutsch verkauft haben. "Kurz vor Weihnachten gab es nochmal einen Schub, sodass dieses Umsatzplus für das Gesamtjahr nun wohl erreicht wird", sagt der Hamburger Marktexperte Boris Langendorf. "Die ersten Adventswochen waren ziemlich bitter mit minus neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr." Dank des Geschäfts kurz vor Heiligabend verbuchten Deutschlands Buchhändler für Dezember nun ein Umsatzplus von 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Motor des Branchenumsatzes waren dieses Jahr ausgerechnet die Romane - also die Belletristik, der manche im Vergleich zum Sachbuch vor einigen Jahren nicht mehr viel zugetraut hatten. Das Plus bei der Belletristik von rund fünf Prozent bis Ende Oktober bei gebundenen Büchern liegt jedoch nicht nur am vielfältigen Leseangebot, sondern auch an Marktveränderungen. Die sehr billigen Sondereditionen von Medienhäusern wie der "Süddeutschen Zeitung" oder "Bild" haben eingeschlagen. Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober lief außerdem eine von Elke Heidenreich betreute "Brigitte"-Edition an.

Leidtragende dieser "Drittgeschäfte" der Zeitungs- und Zeitschriftenkonzerne sind nicht unbedingt die Buchverlage, sondern der Handel, wie Stephan Füssel glaubt. "Die Verlage machen durchaus ihr Geschäft mit diesen Reihen, während die Sortimenter (Buchhändler) massiv darunter leiden", sagt der Leiter des Instituts für Buchwissenschaft an der Universität Mainz. Immer mehr kleine Buchläden bleiben auf der Strecke. Die führenden Unternehmen - allen voran Thalia, Hugendubel und Weltbild - haben dieses Jahr im Handel ihre Stellung weiter ausgebaut. Der Anteil der zehn größten am Gesamtumsatz ist dieses Jahr von 27,4 auf 29 Prozent gestiegen, wie Langendorfs Branchendienst ermittelt hat. Dabei nimmt der Internet-Buchhandel weiter zu.

Im kommenden Jahr muss die Branche ohne Harry Potters Rückenwind auskommen. Das soll eine anziehende Binnenkonjunktur ausgleichen, die den Menschen auch wieder mehr Lust auf den Bücherkauf machen könnte. 2006 muss sich die Branche auch intern an der Spitze neu formieren. Der langjährige Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, gab sein Amt vorzeitig ab. Im Verband hatte es Ärger gegeben, als der Gießener Buchhändler im Oktober ankündigte, seinen traditionsreichen Universitäts-Buchladen aufzugeben, um Marketing-Chef der neu angesiedelten Thalia-Filiale zu werden. Für diesen Wechsel zum Großunternehmen hatten die im Börsenverein organisierten kleinen Buchhändler kein Verständnis.

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