Romanfigur seines eigenen Lebens

- Zeit seines Lebens war Wolfgang Koeppen ein großer Bewunderer des venezianischen Grafikers und Architekten Giovanni Battista Piranesi. Dessen "carceri", Radierungen verschlungener, sich im Unendlichen verlierender Verließe, erinnerten ihn an die irritierende Vielschichtigkeit seines eigenen Schreibens und Lebens.

Einen jener labyrinthisch düsteren Fantasiekerker Piranesis, als Riesenfoto torförmig aufgestellt, passiert der Besucher mit der Rolltreppe und landet geradewegs, so will es scheinen, in Wolfgang Koeppens Kopf. Wo das? In der Glashalle des Gasteig, wo die Münchner Stadtbibliothek ihre große Ausstellung zum hundertsten Geburts- und zehnten Todestag des Schriftstellers präsentiert. "Ich wurde eine Romanfigur", sagte der Autor von "Das Treibhaus" und "Tauben im Gras" über sich selbst, und so lautet auch das Motto der Präsentation.

Ein Satz, der Wesentliches über die Persönlichkeit Koeppens mitteilt, insbesondere über das eigenartige Mischverhältnis von Leben und Werk. Hierin sehen die beiden Ausstellungsleiterinnen Sabine Kinder und Ulrike Steierwald auch ihren konzeptionellen Leitfaden: Die weitgehend unkommentierte Gegenüberstellung von Selbstreferenz und widersprechendem Material zeigt, wie unscharf die Trennlinie zwischen Fiktionalem und tatsächlich Erlebtem im Falle Koeppens verläuft.

Diese Widersprüche ohne vorgegebene Wertung aufzuzeigen, ist eine der besonderen Qualitäten der durchdachten Ausstellung. Sie erlaubt dem unbefangenen Besucher, sich sein eigenes Bild zu machen. Heikle Aspekte werden nicht ausgespart, die skandalösen Begleitumstände zu Koeppens letzter Romanveröffentlichung "Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch" etwa, einem Buch, das er 1948 bereits lektoriert hatte, das aber keineswegs von ihm stammte, oder die nachträgliche Stilisierung seines Lebens während der Nazizeit. Unverzichtbare Vermittler sind dabei die sorgfältig ausgewählten Exponate, die vom Koeppen-Archiv in seinem Geburtsort Greifswald zur Verfügung gestellt wurden.

Jenseits der klassischen Vitrine, die nur noch als ironisches Zitat auftaucht, werden die Gegenstände in Augenhöhe hinter Glas und vor rot lackierter Rückwand präsentiert. Neben Büchern, handschriftlichen Notizen und anderen eher handlichen Exponaten kann man die Schreibmaschinen des Autors sowie einige Typoskripte bestaunen sowie audiovisuelle Installationen rund um Leben und Werk.

Bekannte Schauspieler und Sprecher wie Jens Harzer und Achim Höppner haben daran mitgewirkt. Höhepunkte sind sicher das originale "Treibhaus"-Manuskript samt handschriftlicher Änderungen von Koeppen und ein Nachbau seines Arbeitszimmers im eigens dafür vorgesehenen Pavillon - natürlich mit den Originalmöbeln, die auch auf einer vergrößert ausgestellten Fotostrecke von Nomi Baumgärtl zu sehen sind. Originell in Szene gesetzt: ein Filmausschnitt aus einer eher unbedeutenden UFA-Produktion der frühen Vierzigerjahre, Drehbuch von einem gewissen Wolfgang Koeppen.

Das von Bühnenbildnerin Julia Rogge und Architekt Rainer Ilg entwickelte künstlerische Konzept nutzt das Widrige des Raums zu seinen Gunsten, schafft korrespondierende Bereiche, die den Lebensachsen des Wolfgang Koeppen entsprechen: von Ost nach West, von Greifswald und Masuren, den Orten der Kindheit, über Stationen in Berlin und im Ausland nach München, wo der Schriftsteller bis zu seinem Tod am 15. März 1996 über fünfzig Jahre lebte.

Bis 25. Juni, täglich 8-23 Uhr, Eintritt frei.

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