Romantischer Trunk

- Einer der erhabensten Variationszyklen der klassischen Klavierliteratur - oder die irrlichternden Geistesblitze eines ertaubten Alkoholikers? Wo Alfred Brendel mit weinend-lächelnder Miene die unzähligen Brechungen des Werks zelebriert, wo Maurizio Pollini sich in Ekstasen der Ernsthaftigkeit hineinspielt, da zeigt sich Gerhard Oppitz im Herkulessaal mit stupender Technik und Sinn für die Interpretation aus einem Guss als spätromantischer Bewunderer.

<P class=MsoNormal>Majestätisch, durch Pedal-Impulse klanglich abgerundet rauschen die punktierten Akkorde der ersten Variation vorbei, temperamentvoll, nicht grotesk schwätzen in der sechsten Variation die Hände in Trillerketten miteinander. Und in der in Tiefen verstummenden 20. Variation glaubt man sich in die Katakomben aus Mussorgskis "Bildern einer Ausstellung" mitgenommen. Am Ende, nach dem Wüten der Doppelfuge, scheint sich Oppitz in Schumannesken Träumereien zu verlieren, bevor der Fortissimo-Schlussakkord alle auf den Boden zurückholt.</P><P class=MsoNormal>Sein Lehrer Wilhelm Kempff, so hat Oppitz gesagt, habe in ihm die Sensibilität fürs Poetische geweckt - an diesem Abend wird das klar. Mehr noch als am späten Beethoven scheiden sich am späten Liszt die Geister: Dünken einige Stücke wie die beiden "Trauergondeln", oder "Am Grabe Richard Wagners" als visionäre Musik mit Suchtpotenzial, so sehen andere sich eine Art Schwedentrunk spätromantischer Klaviermusik verabreicht: große Mengen brackigen Lagunenwassers, schleimig-muffig schmeckend nach morschen Baumstämmen, die unter der Last baufälliger Palazzi zusammenbrechen.</P><P class=MsoNormal>Oppitz spielt solche Morbidität mit feinsten Farben und großer Geste aus, so weit geht sein Suggestionswille, dass ein einzelner Finger auf einer Taste schon einmal eine Art Vibrato zu markieren scheint. Erst Brahms' späte Klavierstücke op. 119 bringen einen Hauch Abschiedssüße über den ernsten Abend.</P>

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