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Romeos bester Freund wurde niedergestochen: Lukas Clauß als Mercutio und Maximilian Stöger als Romeo.

Neue Spielstätte

Romeo und Julia in Oberammergau: Manege frei!

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Oberammergau - Mit Abdullah Kenan Karacas „Romeo und Julia“ wurde in Oberammergau ein Zelt als Spielstätte eingeweiht.

Jetzt haben sie einen neuen Hauptdarsteller in Oberammergau: stattlich, rund, mit tiefblauem Dach, auf dessen Innenseite Sternlein prangen – das Zirkuszelt unweit des Passionstheaters. Einen zweiten Spielort hat sich das theaterverrückte Dorf am Fuß des Kofels heuer zum zehnjährigen Bestehen seines Kultursommers gegönnt; auf den Holzbänken im Zelt finden 400 Menschen Platz.

Es ist eine kluge Entscheidung, eine intimere Spielstätte zu etablieren. Das Passionstheater mit seinen gut 4800 Plätzen ist Breitwand-Bühne, bietet Raum für Theater im Cinemascope-Format mit Menschenmassen, Tieren, Feuerzauber, Peng und Knall. Aktuell läuft hier Christian Stückls Inszenierung von Verdis „Nabucco“ (wir berichteten). Dagegen verlangt das Zelt Reduktion. Während drüben auch mit Bildern und Ausstattung überwältigt werden kann, müssen hier Regie und Darsteller das Publikum mit einer anderen Theatersprache fesseln. Ein spannender Gegensatz. Und da die Oberammergauer selbstbewusst sind und zu Recht stolz auf ihre Bühnenleistungen, eröffnen sie ihr neues Zelt nicht mit irgendeinem Stück, sondern zeigen die berühmteste Liebestragödie der Welt.

Das berühmteste Liebespaar der Welt: Romeo (Maximilian Stöger) und seine Julia (Sophie Schuster).

Abdullah Kenan Karaca hat „Romeo und Julia“ entschlackt, gerafft und gekürzt, um Shakespeares Drama (uraufgeführt um 1595) als grundsätzliches Nachdenken über die beiden stärksten menschlichen Gefühle zu inszenieren: Liebe und Hass. Verona, wo dieser Familienstreit immer brutaler von Runde zu Runde geht, bleibt nur Ortsangabe. Ausstatter Davy van Gerven hat eine schlichte Wand ins Zelt gebaut, eine Treppe führt hinauf zu einer zweiten Ebene. Zur Spielfläche gehört auch die geschotterte Manege vor der eigentlichen Bühne. Auf diesem unangenehmen Untergrund laufen, stolpern, raufen die Darsteller, wenn ihre Figuren die Sphäre der gesellschaftlichen Konvention verlassen. Dann regieren Emotionen, haben Anstand und Erziehung Sendepause.

Karaca, gerade zum Zweiten Spielleiter der Passion 2020 gewählt, hat bereits in früheren Arbeiten (etwa seinem „Woyzeck“ am Münchner Volkstheater) gezeigt, dass er ein Gespür für Räume hat. Das kommt ihm hier im Zelt zugute, wo die Guckkasten-Bühnensituation aufgelöst ist und das Publikum im Halbrund um das Geschehen sitzt. Der junge Regisseur, 1989 in Garmisch-Partenkirchen geboren, nutzt die Spielflächen geschickt, ohne seine Inszenierung unruhig werden zu lassen. Er zitiert die Klipp-Klapp-Komödien des Boulevardtheaters, wenn gelacht werden soll, und hat mit besonderer Akribie an den Kampfszenen zwischen den Montagues und Capulets gefeilt.  So  hängt  der knapp zwei Stunden lange, pausenlose Abend lediglich an zwei, drei Stellen kurz durch – und kann ansonsten seine Spannung halten.

Das liegt auch an Tom Wörndls so zurückgenommener wie klug gesetzter Musik – Gänsehaut, als die Schläge von Julias Herz auf der Tonspur langsamer werden, dann ausbleiben – und an der Spiellust der Laien-Darsteller. Maximilian Stöger zeigt Romeo als kernigen, doch empfindsamen Mann. Dessen Liebe, aber auch dessen Verzweiflung und Not offenbart er als unbedingt. Bei solcher Wucht und Präsenz hat es Julia schwer, Akzente zu setzen. Sophie Schuster gelingt es vor allem mit kleinen Emanzipationsausbrüchen: Da knallt ihre Julia etwa Romeo die Bodenluke, die zu ihrem Gemach führt, vor der Nase zu. Berührend in ihrer Einfachheit ist die Balkonszene, in der die beiden schlicht zeigen, worum es geht: weder um die Nachtigall noch um die Lerche, sondern um zwei Verliebte, die nicht voneinander lassen können.

Karaca weiß, dass Innerlichkeit gerade in einem Zelt, in dem die Konzentration rasch verloren gehen kann, nicht allein eine Inszenierung trägt. Daher hat er mit kräftigem Strich die komischen Elemente herausgearbeitet. Lucas Clauß dreht als Mercutio auf, gibt dem Affen Zucker. Das gipfelt in einer wunderbaren Hasstirade gegen die Capulets, diese „Modefressen“. Clauß und sein Regisseur haben Ahnung von Timing: Kurz bevor sich diese Typenzeichnung erschöpft und nur noch nerven würde, wird Mercutio erstochen. Auch Ursula Maria Burkhart räumt großflächig Lacher ab. Sie lässt ihre Lady Capulet derb schillern: Da ist das Vollweib kurz vor den Wechseljahren, das nochmals steil geht auf den Heiratskandidaten, den sie für ihre Julia erkoren hat; da ist die dauergenervte Rabenmutter einer Pubertierenden („Krank machst du mich!“); da ist die machtbewusste Strippenzieherin und da ist das „desperate housewife“. Als ihre Tochter dann jedoch scheinbar tot vor ihr im Schotter liegt, kommen Zusammenbruch und echte Verzweiflung – auch dieser Wechsel gelingt Burkhart.

Die spannendste Figur hat Karaca mit Lorenzo geschaffen. Er hat Shakespeares Mönch durch Fremdtexte aufgewertet, rätselhafter gemacht. Bei Andreas Richter wird dieser spröde Hippie mit den schwarz lackierten Nägeln zum Wanderer zwischen den Szenen, den Verfeindeten und den Bewusstseinsebenen: ein Kiffer und Chaot, Schamane und Schelm, Prediger und Plauderer. Mit seinem verschleppten Singsang, an den man sich gewöhnen muss, gibt er der Inszenierung wie nebenbei Struktur und bleibt doch eine Sphinx im Poncho.

Jubel am Ende – und die Hoffnung, dass sie in Oberammergau ihren neuen Hauptdarsteller nächsten Sommer wieder aufbauen.

Weitere Vorstellungen an diesem Samstag sowie am 23., 25., 30. Juli, 2., 7., 8. August; 08822/ 945 88 88.

Michael Schleicher 

 

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