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Mal mit, mal ohne Mieder: Die Mode – Kleider aus mehreren Epochen – erzählt von der Geisteshaltung ihrer Zeit, in welche Klischees man Frauen zwängt und sie sich zwingen lassen.

Romy Schneiders Pfunde

Münchner - Kleider im Wandel der Jahrhunderte: Eine Modeausstellung in München offenbart sowohl Grausames wie Kurioses. Oder wussten Sie von Romy Schneiders Pfunden?

Zwei Gewänder, getragen von Romy Schneider: ein lichtblaues, besticktes Cocktailkleid von 1956 und ein dunkelblaues Tageskleid aus Wolle von 1965 – dazwischen zwei Kleidergrößen mehr...

Aber nicht deswegen heißt die Schau der Mode-Abteilung des Münchner Stadtmuseums „Mode sprengt Mieder – Silhouettenwechsel“.

Romys Schneiders Pfunde

Dass Romy in zehn Jahren ein paar Pfunde zugelegt hatte, interessierte Ausstellungskuratorin Isabella Belting weniger, sie zieht vielmehr den historischen Bogen über Jahrhunderte: von 1770, also dem Rokoko, bis 1969 samt kleinem Ausblick auf heute durch aktuelle Arbeiten aus der Deutschen Meisterschule für Mode München, die die Besucher begrüßen.

Im Barock wurde mit riesigen Gestellen im Unterrock das „gebärfähige Becken“ überbetont und mit Korsetten der Busen hochgepresst.

Dann fällt der Blick schon auf die kolorierten Grafiken mit schlank geschnürten Barock- und Rokoko-Damen, die ihre Reize durch Mode-Tricks drastisch herausmodellierten.

Das bedeutete eben auch Hüftpolster und Stahlbänder- oder Rattangestelle, die im wahrsten Sinne des Wortes die erotische Becken-Zone aufbauschten.

Wer hier noch schmunzelt, schluckt dann doch bei dem Schnürmieder für ein einjähriges Mädchen. – Und dann die Überraschung: eine atemberaubend lange Phalanx von herrlichen Gewändern, aufgezogen auf Kleiderpuppen.

Ein wirklich herrlicher Eindruck, der einen zwingt, schleunigst diese Front abzuschreiten. „Mode sprengt Mieder“ ist der Auftakt einer Reihe von Präsentationen der Mode-Sammlung, und Belting will mit der aktuellen Schau und der erwähnten Phalanx „die Bandbreite der Sammlung“ erlebbar machen.

Rokoko bis Trachtenmode

Nicht so extrem ging es in den 1950ern zu, aber schlanke Taille musste sein. Rechts die Traum-Inszenierung einer Kaiserin: Soraya von Persien trug dieses Große Abendkleid aus Seide und Seidensamt mit Strasssteinen und Perlen. Es wurde 1953 im Salon Emilio Schubert in Rom gefertigt.

„Unser frühestes Objekt ist eine Damenrobe aus dem Rokoko.“ Das letzte Kleid aus diesem „Schaufenster“ stammt von Courrèges, ein grasgrüner Abendkleid-Hänger von 1969 – nix Mieder also. Damit es aber nicht nur bei diesen aufgereihten „Showgirls“ bleibt, sind jeweils Nischen angedockt wie die Zähne an den Kammrücken (Gestaltung: Margot Staffa).

In ihnen erzählen zum Beispiel die Trachten-Mieder, dass sich die Münchner Kellnerin oder die Bäuerin am Land an der höfischen Rokokomode orientiert hatte. Im Dorf machte man die erste Korsett-Sprengung nicht mit.

Die luftigen Chemisenkleider (ab 1790) orientierten sich an der Antike, fassten nur die Brust und fielen dann locker bis zum Boden. Ein Hauch von Freiheit und Französischer Revolution, Aufklärung und Gesundheitsbewusstsein stecken in ihrer zarten, mädchenhaften Harmonie, die schnell in den wieder aufkommenden Korsetts zerquetscht wurde.

Mächtige Brüste und Popos wurden am Ende des 19. Jahrhunderts durch die Sans-Ventre-Linie („ohne Bauch“) modisch herausgeputzt. Berühmtestes Beispiel der Wespentaille ist Kaiserin Elisabeth mit 50 Zentimetern. Ein schwarzes Promenadenkostüm von Sisi (um 1893) illustriert das.

Die ungemütlichen 50er Jahre

Mit den sogenannten Reformkleidern wurden die Mieder wieder einmal abgeschafft, die als grässliche Krankmacher gegeißelt wurden. Entzückende Jugendstilgewänder entstanden – in der Schau neben Kleidern viele der bewundernswerten Entwürfe von Paul Poiret.

Vor den locker-frechen 1960ern wurde es für die Damen erneut in den 50er-Jahren ungemütlich: mit grausamen Büsten- und Hüfthaltern. Neben raffinierten Kleidern sind diese erotisch aufgeladenen Übeltäter genauso wie Schuhe, Modefigurinen, -fotos und -zeitschriften, Karikaturen und Accessoires in der rundum gelungenen Ausstellung zu entdecken.

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