Romys Todeslächeln

- Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, heißt es. Eine alte Liebe aber könnte für dieses Leben die Hölle bedeuten. Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig jedenfalls rät ab von Treueschwüren. Sein aktuelles Stück "Die Frau von früher" (als Auftragswerk im vergangenen Herbst am Wiener Burgtheater uraufgeführt) ist eine kleine, aber heftige Liebeswarnung, eine Ermahnung wegen der fehlenden Verjährungsfrist von Gefühlen, der unberechenbaren Besessenheit der vermeintlich schönsten Sache der Welt. Wer ahnt denn schon, dass eines Tages eine Frau vor seiner Tür stehen wird, um mit allen Mitteln seine Liebe einzufordern? Eine Liebe, die man längst vergessen hatte, weil sie bereits 24 Jahre zurückliegt und nur einen Sommer lang hielt - eine Jugendliebe mit Romy Vogtländer.

<P class=MsoNormal>Im Münchner Theater im Haus der Kunst trägt Ulrike Willenbacher ein psychopathisches Lächeln unterm unverwandten Blick. Es weicht ihr niemals von den Lippen: Ihre Romy lächelt, als sie zum ersten Mal überraschend vor Franks Tür steht und auch beim zweiten, dritten, vierten Mal; sie lächelt, als sie seiner Frau erzählt, er habe immer nur sie selbst, Romy Vogtländer, geliebt; sie lächelt, als sie seinen Sohn Andi verführt und anschließend kaltblütig ermordet; sie lächelt, als sie seine Frau in Flammen aufgehen und qualvoll verbrennen lässt; sie lächelt vermutlich noch, als ihr so geliebter Frank hilflos an seiner Wohnungstür zusammenbricht. Dass er seinen 24 Jahre alten Schwur nicht einlösen konnte, ließ sie ihn schmerzhaft büßen.</P><P class=MsoNormal>Spiel mit Zeitsprüngen</P><P class=MsoNormal>Beklemmend privat wirkt Antoine Uitdehaags dichte Inszenierung: Die drei Zuschauerreihen zu beiden Längsseiten der gestreckten Bühne lassen Gesichter erkennen, lassen im Publikum Verwunderung wie Betroffenheit ausmachen. Über den Tribünen, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, hockt Tabea Bettin als Andis Freundin Tina neben der Großprojektion ihres Kopfes und berichtet lebhaft von ihrer jungen ersten Liebe: "Ich werde dich niemals vergessen", hätten Andi und sie sich gerade geschworen. Nichts ist falsch an diesem Optimismus, doch im Angesicht einer brutalen, blutig rächenden Psychopathin empfindet man auch diese unschuldige Beziehung plötzlich als Bedrohung. </P><P class=MsoNormal>Ans eine Ende des Schauspielparcours hat Bühnenbildner Tom Schenk nichts als drei große weiße Zimmertüren gestellt, vis-à`-vis davon liegt der Wohnungseingang. Im Flur dazwischen wird im Laufe des Stücks ein Kriminalfall aufgerollt, der eine überraschende Brisanz besitzt: Erst seit ein paar Tagen nämlich gibt es ja den Paragraphen 238, der die unzähligen Stalking-Sünder nun endlich als Straftäter beschuldigt. Stalking, so nennt der Jäger es, wenn er sich an seine Beute heranpirscht.</P><P class=MsoNormal>"Zehn Minuten früher" . . . auch in "Die Frau von früher" spielt der erfolgreiche Dialogbastler Roland Schimmelpfennig (37) wieder mit vermeintlichen Grenzen des Theaters - und reißt sie ab. Die kurzen, zeitlich verschachtelten Szenen seines Stückes sind eine Hommage an das literarische und filmische Mittel der Retrospektive - und der beeindruckende Beweis dafür, dass auch das Theater die genaue Reproduzierbarkeit von Szenen, Handgriffen, ja Wimpernschlägen beherrschen kann.</P><P class=MsoNormal>Sehr sicher und präzise, trotzdem spielerisch leicht und scheinbar unwiederholbar bewegen sich Stefan Hunstein, Barbara Melzl, Christian Friedel und Ulrike Willenbacher zwischen den meist nur feinen und von Regisseur Uitdehaag sensibel arrangierten Zeitsprüngen. Für den Zuschauer ergeben sich aus den neu angefügten oder weggelassenen Text- und Spielmomenten manchmal völlig andere Perspektiven, Haltungen, Stimmungen. Und wenn Hunstein im Abstand von fünf Minuten zweimal die kleine Plastiktüte mit dem Eiffelturm hochhält und mit dem Satz, "die hast du doch nicht 19 Jahre lang aufgehoben?", seine Verblüffung aushaucht, dann bringen die zahlreichen Dé´jà`-vus auch noch ein komisches Element ins doch so ernste Thema des Stückes.</P><P class=MsoNormal>Spannend führen Schimmelpfennig und Uitdehaag Textwerk und Inszenierung zum Höhepunkt. Ein-, zweimal noch verzögern die Handlungsbrüche die Eskalation. Je näher sich die Schauspieler ans Ende heranspielen, desto näher rückt auch die gefährliche Vergangenheit in Person der "Frau von früher". Und als sie dann endlich fort ist, hat sie die Gegenwart mit sich genommen.</P>

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