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„Ich kann mir den Film in Farbe nicht vorstellen. Vor Ort sieht auch alles wie Schwarz-Weiß aus“: Rosalie Thomass (li.) spielt Marie, die nach Fukushima reist, um den Tsunami-Opfern zu helfen. Satomi (Kaori Momoi, re.) ist anfangs nicht begeistert von der großen Deutschen. Doch zwischen den Frauen entwickelt sich eine rührende Meisterin-Schülerin-Geschichte.

Interview

„Am Ende bleibt nur die Menschlichkeit“

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München - Sie wurde für ihr Spiel in „Grüße aus Fukushima“ bereits mit dem Bayerischen Filmpreis geehrt. Nun kommt der Film in die Kinos. Rosalie Thomass (28) spielt Marie, die als Clown nach Fukushima reist, um den Überlebenden Trost zu spenden. Ein Gespräch über das, was zählt, wenn nichts mehr bleibt.

Mögen Sie Clowns?

Das ist eine interessante Frage. Ich hatte als Kind immer etwas Angst vor Clowns. Und bin, glaube ich, selbst kein guter Clown. Ich weiß gar nicht, ob Schauspieler automatisch gute Clowns sind – vermutlich nicht, weil wir uns oft zu ernst nehmen und verstanden werden wollen und emotional tiefsinnig sein möchten. (Lacht.) So ein Clown muss ja in der Lage sein, aus allem eine Leichtigkeit zu zaubern. Das ist eine Extra-Disziplin.

Glauben Sie denn, dass Clowns helfen können, in Krisengebieten wie Fukushima Trost zu spenden?

Ich muss daran glauben! Denn genauso wie hoffentlich ein Clown Menschen für eine kurze Zeit ihr Leid vergessen lassen kann, müssen wir uns darauf verlassen, dass unsere Filme Menschen für eineinhalb Stunden entführen können – und ihnen einen neuen Blick auf ihr Leben ermöglichen. Doris sagte einmal, sie frage sich jeden Tag, ob sie nicht eigentlich etwas viel Sinnvolleres machen müsste und käme dann immer wieder zu dem Schluss: „Ich kann halt nichts anderes.“ (Lächelt.)

Der Film lässt einen darüber nachdenken, was wesentlich ist im Leben. Hat der Dreh für Sie persönlich etwas verändert?

Ja, ich habe viel mitgenommen. Vor allem, dass das Hier und Jetzt unschätzbar wertvoll ist. Ohne Diskussion. Weil wir nie wissen, wie lange uns unsere Mitmenschen bleiben, unsere Sicherheit. Unsere Sicherheit ist extrem groß in Deutschland. Allein durch die geografische Lage, wir sind nicht bedroht von solchen unfassbaren Tsunami-Katastrophen. Und wie unbedingt wertvoll Leben ist. Nicht nur menschliches Leben, auch die Natur. Es ist unglaublich, dass man in die Tsunami-Gebiete Atomkraftwerke gebaut hat. Was mich außerdem bewegt hat, ist die Frage: Was bleibt, wenn dir alles genommen wird? Ich denke, was uns bleibt, ist, dass wir Menschen sind untereinander. Dass wir dem anderen offen begegnen, dass wir ihm zuhören, dass wir aufeinander achten, uns trösten, uns halten. Das ist das, was die Überlebenden der Katastrophe in den Notunterkünften tun. Das sind vorwiegend ältere Frauen, die versuchen, sich es in dieser Not schön zu machen. Und wenn es nur ist, dass sie zusammen kochen oder sich Geschichten erzählen, handarbeiten. Das hat mich sehr gerührt. Wenn uns gar nichts mehr bleibt, dann haben wir nur noch unsere Menschlichkeit.

Doris Dörrie hat den Film in Schwarz-Weiß gedreht. Für Sie stimmig?

Ja, sehr. Weil die Landschaft dort tatsächlich an Farbe verloren hat. Ich kann mir den Film in Farbe gar nicht vorstellen. Vor Ort sieht auch alles wie Schwarz-Weiß aus.

Die Marie ist anfangs mit Geigerzähler unterwegs – hatten Sie Angst?

Nein. Wir waren gut vorbereitet. Es gab keinen Grund zur Angst. Natürlich habe ich manchmal gedacht: Wie ist es jetzt mit dem Staub an den Schuhen; mit dem Duschen; wie ist es mit dem Essen? Doch alle Lebensmittel, die dort in Umlauf kommen, sind genau wie bei uns geprüft, und wir müssen uns genau wie hier darauf verlassen, dass die Kontrollen stimmen. Ich habe da ein gesundes Grundvertrauen ins Leben – dass das Leben es am Ende schon gut mit mir meint. Bei mir würde immer die Neugierde über die Angst siegen.

Wie sind die Menschen in der Notunterkunft auf Sie zugekommen?

Sie waren unglaublich offen. Ich fand’s einen Jammer, dass ich kein Japanisch kann, und habe mir immer Übersetzer organisiert. Manches versteht man intuitiv. Sie haben ihre Geschichten freimütig erzählt. Es hat uns etwas beschämt, weil sie sehr dankbar dafür waren, dass wir dort hingekommen sind. Dass ihrer Geschichte ein Gesicht gegeben wird. Dass wir mit ihnen zu Abend gegessen haben, einfach, dass wir ihnen eine Abwechslung boten. Sie wollten auch die Hula-Hoop-Ringe, die im Film vorkommen, behalten, haben ganz viel geübt. Das war reizend. Die Art, wie Doris dreht, lässt sehr viel Zeit dafür, mit den Menschen zu sein. Es gibt keinen so straffen Zeitplan, vieles greift sie aus dem Moment heraus. Es ist schon besonders gewesen.

War es bedrückend?

Ja, an dem Haus, an dem wir gedreht haben, war es schon heftig. Ein gewaltiger Ort. Diese große Küstenfläche, an der auf den ersten Blick nichts mehr steht. Doch wenn man näher hingeht, sieht man die Ruinen der Häuser, eins neben dem anderen. Immer wieder steht man da und fragt sich, wie das gewesen sein muss mit dieser grauenvollen Welle. Man kann nicht anders, als darüber nachzudenken, dass da Menschen ihr Leben gelassen haben. Das ist ein irrsinniger Ort voller Geschichten. Vielleicht auch voller Geister, das weiß ich nicht. Das war schon wirklich... puh. (Atmet tief durch.)

Albtraumhaft?

Ja, es sind wirkliche Albtraumbilder. Es sieht teilweise aus wie in einem Katastrophen-Horrorfilm-Set. Dadurch, dass die Zone nicht lange vor unserem Dreh geöffnet worden war, war natürlich noch nichts aufgeräumt. Deswegen lagen in den Ruinen Zahnbürsten, Kinderspielzeug, Küchenutensilien... Das ist derart gruselig, dass man es sich, selbst wenn man mit beiden Beinen auf diesen Ruinen steht, nicht vorstellen kann – weil es einfach unvorstellbar ist. Und weil dieses Sich-endlos-eine-Katastrophe-Ausschmücken für mich auch etwas Geschmackloses hat. Deshalb finde ich es so schön, wie Doris den Film erzählt: Dass es keine reißerischen Rückblenden gibt mit computeranimierter Tsunami-Welle, sondern es schlicht um die Frage geht: Was bleibt uns, und wie können wir jetzt damit umgehen?

Das Gespräch führte

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