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Die Roseninsel im Starnberger See, dahinter das Feldafinger Ufer.

Das beste Archiv, das es gibt

Starnberg - Nur wenn das Wasser ganz niedrig und besonders klar ist, kann man einen Blick auf die Vergangenheit erhaschen. Dafür aber einen schier unglaublichen: auf die prähistorischen Pfahlbauten rund um die Roseninsel im Starnberger See. Sie gehören zum ersten Welterbe unter Wasser, das die Unesco nominiert hat.

Weitere 110 solche Stätten in sechs Alpenländern aus der Zeit zwischen 5000 und 500 v. Chr. sind darüber hinaus für diese Ehrung vorgeschlagen. Die Insel mit königlich-bayerischer Vergangenheit und idyllischer Lage ist also um einen Superlativ reicher. Was aber haben die Besucher davon, die ab Mai wieder in den Park, ins Casino und Museum dürfen?

Zunächst einmal nichts. Bald aber werden sie mit Schildern und Info-Blättern auf die Besonderheiten hingewiesen. Betreten kann man die flachen Gewässer jedoch nicht: Denn hier geht es um den Schutz eines Erbes, das Jahrtausende Siedlungsgeschichte erzählt, das Jahrtausende unter Wasser perfekt konserviert wurde, das nur in Auszügen erforscht ist und noch viel Potenzial birgt. „Letzteres war mit ein Grund für die Nominierung im Juni 2011“, so Ulrich Schlitzer von der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie.

Nur unter Sauerstoffabschluss bleiben organische Materialien so hervorragend konserviert, allein die natürliche Erosion und Wasserbewegung verändert die Relikte. Damit das auch so bleibt, soll ein spezieller Schutzraum errichtet werden. Zunächst setzt man auf Information, damit unwissende See-Besucher oder Hobbytaucher nicht den Blick in die Geschichte zerstören. Das ist umso wichtiger, da die Insel die Menschen eben seit Jahrtausenden anzieht. Warum das früher auch schon so war? „Dazu gibt es viele Erklärungen“, bündelt Schlitzer die Detektivarbeit der Archäologen. Auf der kleinen Insel war man vermutlich vom Festland abhängig in puncto Ackerbau und Viehzucht. Aber so sicher wie auf einer von Palisaden umringten Insel war man nirgends sonst. Fische hatte man hier genug – und die Transportwege über Wasser waren deutlich einfacher als über Land.

Die Roseninsel war übrigens das einzige Eiland, das immer aus dem See ragte. Anders ist das in Kempfenhausen am Ostufer: Neben der Roseninsel sind dort (auf ehemaligen Sandbänken) die einzigen nachgewiesenen Relikte einer Pfahlbaustation in Bayern. Die Untiefe ist heute bei einem knapp fünf Meter höheren Wasserspiegel als zur Zeit ihrer Besiedlung im 38. Jahrhundert v. Chr. völlig überschwemmt – und deutlich schlechter erhalten.

Am Westufer sieht man die Pfahlköpfe manchmal sogar mit bloßem Auge. Mancher mag sie für Reste der mittelalterlichen Brücken zwischen dem Feldafinger Ufer und der Roseninsel gehalten haben. Es sind aber Teile von Palisadenbefestigungen, die spätestens seit der Bronzezeit immer wieder erweitert und erneuert wurden. Die frühesten Spuren einer Besiedlung der Insel verweisen gar auf die zweite Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrtausends, die Blüte war in der spätbronzezeitlichen Urnenfelderzeit (Mitte 11. bis 9. Jahrhundert vor Christus). „Normalerweise endet der Siedlungsgedanke an Seen rund um die Alpen im 9. Jahrhundert“, so Schlitzer, weil das Klima schlechter wurde und die Wasserpegel stiegen. Da der Starnberger See die Fluten langsam umwälzt (wenig Zu- und Abflüsse), ist die Qualität besser und der Pegel wurde nur langsam höher. Auf der ehemaligen Strandplatte der Roseninsel, dem heutigen Seegrund, finden sich daher sogar ebenerdige Reste früher keltischer Bauten des 5. Jahrhunderts v. Chr. Auch die späten prähistorischen Funde um die Roseninsel sind also „einzigartig“. Im Gegensatz zu den Pfahlbauten sind frühe Siedlungen an bayerischen Gewässern nicht so selten. Zwei Feuchtboden-Areale in Pestenacker und Unfriedhausen (Landkreis Landsberg) wurden ebenfalls als Welterbe ausgezeichnet.

Entdeckt hat man die ersten prähistorischen Ufersiedlungen Mitte des 19. Jahrhunderts am Zürichsee. 1864 läuteten die Funde bei der Roseninsel dann die bayerische Pfahlbauforschung ein, die anfangs allerdings auch einen massiven Eingriff in die Substanz bedeutete. Heute geht man wesentlich behutsamer vor: Die Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie kooperiert eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege, die den Antrag bei der Unesco stellte. Zudem ist die Schlösser- und Seenverwaltung als Eigner der Insel und des Gewässers mit von der Partie. Schlitzer, der momentan seine Doktorarbeit zum Thema schreibt, taucht seit zehn Jahren „im besten Archiv, das es gibt“.

Schon vor 30 Jahren konnte die Gesellschaft mit einem spektakulären Fund vor der Roseninsel aufwarten. Man stieß auf einen 13,5 Meter langen Einbaum aus dem Jahr 900 v. Chr., das größte vorgeschichtliche Exemplar Mitteleuropas und älteste bekannte Wasserfahrzeug Bayerns. Als es 1989 an einem glasklaren, kühlen Morgen mit viel technischem Aufwand geborgen wurde, war das der Beginn einer jahrzehntelangen Konservierung, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Ob der Einbaum je wieder an den Starnberger See zurückkehrt, ist unklar.

Klar ist nur, dass die Insel seit rund 6000 Jahren ein Magnet für die Menschheit ist: Dass König Maximilian II. hier 1853 seinen Sommersitz bauen ließ, der dann auch den Märchenkönig Ludwig II. faszinierte, machte die Insel zu einer Attraktion, die in der Touristensaison monatlich bis zu 4000 Besucher verkraften muss. Diese Zahlen lassen auch den Schutzgedanken hinter dem Welterbe-Titel besser verstehen.

Die Insel ist ab Mai wieder zugänglich; weitere Informationen sind im Internet unter www.unesco-weltkulturerbe-pfahlbauten.de, www.palafittes.org und www.roseninsel.org zu finden.

Freia Oliv

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