Szene aus dem „Rosenkavalier“ mit Samantha Hankey, Katharina Konradi und Ingmar Thilo.
+
Theatercoup mit Kini-Kutsche: Octavian (Samantha Hankey, li.) begegnet Sophie (Katharina Konradi), rechts Amor (Ingmar Thilo).

Barrie Koskys hochtouriger „Rosenkavalier“-Traum an der Bayerischen Staatsoper

„Rosenkavalier“ an der Bayerischen Staatsoper: Farce im Silberrahmen

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
    schließen

Das Beste, das Münchens Strauss-Tradition passieren konnte: „Der Rosenkavalier“ in der hochtourigen, hinterlistigen Regie von Barrie Kosky, klischeefrei dirigiert von Vladimir Jurowski.

Zwei Dinge darf man prophezeien. Irgendwann werden wir diesen „Rosenkavalier“ live genießen. Und: Ja, auch dann wird Beifall aufrauschen im zweiten Akt – allerdings nicht zu Beginn wie beim Münchner Vorgänger, als Jürgen Roses Nachbildung der Amalienburg auf Entzücken stieß. Ab jetzt wird geklatscht bei der Zentralszene: Eine Kutsche, wie geborgt aus der Remise Ludwigs II., gezogen von turtelnden Rössern, besetzt mit dem Titelhelden, gelenkt von einem uralten, halbnackten Amor-Pan-Papageno-Männchen, alles in Silber getaucht – spätestens hier hat Barrie Kosky sogar die Orthodoxen in Sachen Richard Strauss um den Finger gewickelt. Ein Theatercoup.

Ein bisschen führt das auf die falsche Fährte. Für den vor Einfällen berstenden Regisseur Kosky, bei dem eine Inszenierung stets Überdruckventil ist, sind Ausstattung, Gags, der große, gern kitschige Moment in dieser Online-Premiere der Bayerischen Staatsoper wirklich nur Transportmittel. Tief eingedrungen ist der Chef der Komischen Oper Berlin in diese „Komödie für Musik“, wie sie Strauss und Hugo von Hofmannsthal nennen, die alles andere als Abbild von Realität sein will. Eine Feier der Künstlichkeit ist das ja (die Rosen-Überreichung gab’s in Adelskreisen bekanntlich nie), die Beschwörung eines Marie-Theresianischen Idealbilds, ein Rokoko-Fake, eine maßlose Mozart-Reminiszenz, in der ständig von „Traum“, „Farce“ und verrieselnder Zeit die Rede ist.

(Alb-)Traumtänze im Geiste einer höheren Realität

Barrie Kosky, Bühnenbildner Rufus Didwiszus und Victoria Behr (Kostüme) zaubern daraus eine virtuose Verschränkung von Spiel- und Bedeutungsebenen, in dem die Traumchiffre zur Hauptsache wird. Im ersten Akt als Vision der Marschallin im dunkelsilbrigen Barock-Saal (bei dem der Tenor-Sänger als Farinelli-Imitat auftritt), im zweiten als Imagination Sophies im rollenden Bett zwischen erotisch aufgeladenen Gemälden. Und im dritten als Theater auf dem Theater, das von Octavian organisiert wird.

Die Frage nach Logik und Stringenz verbietet sich in dieser Zauber-Innenwelt von selbst. Zeit, ob auf der Standuhr wie zu Beginn und am Ende angezeigt oder auch per Wecker und Kuckucksuhr, wird hier relativ. Kosky zitiert sinnfällig zwei Filme, den Surrealismus und die Traum-Verschränkungen von Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ sowie die Vermischung aus Realem und Fantasie in „Letztes Jahr in Marienbad“ von Resnais, beides (Alb-)Traumtänze im Geiste einer höheren Realität.

Dass alles nicht zur Dramaturgenvorlesung wird, ist bei Kosky Ehrensache. Dazu schaltet er den Turbo zu und steuert die Buffo-Szenen hemmungslos in die Farce. Baron Ochs verpasst er so eine Neubewertung: ein hyperaktiver Sympathieträger, bei dem sämtliche Etikette-Verletzungen aus Unsicherheit passieren. Nicht nur, dass Bassist Christof Fischesser damit sein grandioses Outing als Darsteller erlebt. Auch gesungen ist das im weit gespreizten Umfang der Partie saftig, virtuos, unverspannt und mit leicht anspringender Stimme – so klingt deutsches Parlando.

Strauss nicht auf Doppelrahmstufe, sondern vegetarisch

Bei Ochs’ Verwundung offenbart sich das Mamasöhnchen: Es ist nur ein Finger-Piks mit Octavians Degen. Auch Faninal, von Johannes Martin Kränzle als ADHS-Gesamtkunstwerk gestaltet, krankt schwer an seiner Beflissenheit. Alles – auch Valzacchi von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke oder Annina von Ursula Hesse von den Steinen – liebevoll gezeichnete Karikaturen. Gelegentlich toben Faune durchs Bild, sogar Faninal bekommt Hörnchen, beim terzenseligen Finalduett entschweben Sophie und Octavian gen Himmel: Wer will, darf dabei an Ovid und seine „Metamorphosen“ denken. Für den Genuss der Aufführung ist das aber kein Muss.

Für Koskys Konzept kommt die Corona-bedingte Orchesterfassung Eberhard Klokes gerade recht. Zumal Vladimir Jurowski, ab Herbst hier Generalmusikdirektor, ohnehin nie auf Doppelrahmstufe dirigiert, sondern Strauss als Vegetarier vor Ohren führt. Nur im Vorspiel und an ein, zwei anderen Stellen tönt das auf „Ariadne“-Stärke reduzierte Staatsorchester nach Kompromiss. Die Reaktionsstärke, die Wendigkeit, die (Über-)Schärfung von Details, die Intimität, all das passt zum Bühnengeschehen. Auch, dass Jurowski das Werk nicht als Melancholiesymphonie begreift: Dieser „Rosenkavalier“ blickt kaum wehmütig zurück, sondern ist lustvoller Aufbruch in die Moderne.

Ein-, zweimal gibt es (bedingt durch fehlende Streicherfüllmasse) Wackler. Doch was die Kollegen oft als „Verweile doch“ dirigieren, wird bei Jurowski zum echten, am Satztempo orientierten Konversationsstück – übrigens auch im tränentreibenden Finale. Profitieren kann davon besonders Marlis Petersen, eine der wenigen Marschallinnen, bei der jede Silbe zu verstehen ist. Doch ist ihr Gesang keine Deklamation: Alles wird – ohne typische Vokalverfärbungen bei Sopranistinnen – eingebunden in einen natürlich erfühlten Satz- und Klangverlauf.

Versöhnungsangebot an Nostalgiker

Eine sehr heutige Marschallin, auch im achselzuckenden Verzicht auf den Lover: Samantha Hankey entwickelt als hyperlaszives, verkleidetes „Mariandl“ fast mehr Ausstrahlung als in der Rolle des herben Octavian. Die musterhaft kontrollierte, reiche Stimme hört man gern, das Spiel mit Nuancen wird ihr noch zuwachsen. Sehr weit gekommen ist hier Katharina Konradi. Ihre Sophie hat nichts vom lyrischen Schmalspurhascherl. Beim ersten selbstbewussten Auftritt, beim ersten Ton fühlt man die künftige Marschallin mit. Große Rollenvorgängerinnen kommen einem in den Sinn – auch Lucia Popp, obwohl in den Klangfarben ganz anders, schöpfte ja einst aus raumgreifender Sopransubstanz.

Einige Brückenschläge sind diesem „Rosenkavalier“, der wohl erst im Mai 2022 live nachgeholt wird, geglückt. Weil es da eine neue, aufregende Solisten-Generation gibt. Auch einen Dirigenten, der Klischees hinter sich lässt. Und weil die Produktion hinterlistig mit der Inszenierungshistorie spielt: ein geistreiches Versöhnungsangebot an Nostalgiker und ihre Nachfahren – und damit das Beste, das Münchens Strauss-Tradition passieren konnte.

Aufzeichnung
in der Arte-Mediathek
sowie unter staatsoper.tv.

Auch interessant

Kommentare