Rossini ohne Schnörkel

- Geistliche Musik oder nicht? An Gioacchino Rossinis "Stabat mater" schieden sich schon 1841 die Geister: Richard Wagner spottete, die Pariser Salons seien nun wohl Betstuben geworden, Heinrich Heine hingegen verteidigte die Naivität dieser unasketischen Passionsmusik gegen den Vorwurf des Opernhaft-Theatralen.

<P>Noch 160 Jahre später, in Zeiten, die sich in Glaubensdingen unideologischer geben, ist zu ahnen, woran sich damals die Gemüter erhitzten.</P><P>So mochte auch in der Münchner Philharmonie ein an die Strenge Bach'scher Passionen gewohntes Publikum für einen Augenblick verunsichert worden sein, als Tenor Klaus Florian Vogt seine Arie über das vom Leidensschwert durchstoßene Herz der Gottesmutter mit einer virtuosen Koloratur-Kadenz abschloss. Aber spätestens im selben Moment wurde auch klar: Die eigentliche Frage ist nicht, ob Musik geistlich oder weltlich, sondern, ob sie wahrhaftig sei. Und wahrhaftig war sie an diesem Abend - die exzellente Interpretation schien gar nichts anderes zuzulassen.</P><P>Neville Marriners klares, schnörkelloses Dirigieren führte Chor und Orchester der Academy of St. Martin in the Fields und die Solisten in beispielhafter Präzision zusammen: Exakt die Rossini'schen Pizzikati, sinnfällig die Ritardandi, betörend reich das dynamische Spektrum vom Murmeln bis zu stählernem Fortissimo. Trotz solcher Differenziertheit zu keinem Zeitpunkt Aufgesetztes oder Gekünsteltes.</P><P>Auch die Solisten zeigten sich von Marriners uneitlem Musizieren inspiriert, schlank und intonationssicher vereinten sich Elisabeth Scholls Sopran und der Mezzo von Christiane Iven zu purem Frauenstimmen-Glück, der obertonreiche Bassbariton Hanno Müller-Brachmanns mischte sich gut mit dem A-cappella-Chorsatz "Eja mater". Wie schon zuvor bei Vivaldis Gloria: Musik als spirituelles Phänomen - jenseits aller Definitionen.<BR></P>

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