Rossini verleiht Flügel

- Gepuderte Perücken, das Schönheitspflästerchen auf der Wange, und mächtig bauschen Brokat und Damast . . . Doch in Sachen "Barbier von Sevilla" muss am Münchner Gärtnerplatz fortan umgedacht werden. Also: Bartolo ist eine Spinne, Almaviva eine Biene, Marzelline eine Schnecke. Und Rosina? Ein Schmetterling, natürlich.

"Zuerst habe ich schon befürchtet, das sind nur Gags", sagt Rebecca Martin. "Aber während der Proben wurde mir bewusst: Es ist sinnvoll, gerade bei dieser überdrehten Oper." Bis März 2001 hatten Münchner Musikfreunde die amerikanische Mezzosopranistin noch nicht auf ihrer Liste. Doch dann sang sie am Gärtnerplatz die Titelrolle in Rossinis "Aschenputtel" (La Cenerentola) - und feierte einen Riesenerfolg. Am Sonntag hat sie dort als Rosina ihre zweite Rossini-Premiere, Claus Guth inszeniert den "Barbier von Sevilla" als Koproduktion mit dem Theater Basel, David Stahl dirigiert.

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Rebecca Martin den Sprung vom Nürnberger Festengagement ins kalte Wasser der Freiberuflerin wagte. Und es hat ihr, wie sie betont, sehr gut getan. "Dieses ständige Bereithalten fürs Einspringen, auch die vielen Abende können einen kaputt machen. Ich dachte, ich bin jung genug für diesen Versuch. Und tatsächlich: Es haben sich Türen geöffnet." Zum Beispiel die des Gärtnerplatztheaters. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt Rebecca Martin weiterhin in Nürnberg, für die aktuelle Münchner Produktion pendelt sie mit dem Auto hin und her. Doch wo ihre eigentliche Heimat ist, das kann sie nicht sofort beantworten.

"Zu viel Naturalismus ist bei einem solchen Stück manchmal lächerlich."

Rebecca Martin

Rebecca Martin ist zwar Amerikanerin, wurde aber im südvietnamesischen Saigon geboren, in der heutigen Ho Chi Minh-Stadt. Ihre Eltern waren Missionare der Mennoniten, eine evangelische Freikirche. Mit Mutter, Vater und den beiden Brüdern lebte Rebecca Martin dort. Als sie neun Jahre alt war, ging es noch für ein Jahr nach Thailand. Erst im Februar 2004 ist sie nach Vietnam zurückgekehrt: "Es war mir wichtig zu sehen, ob die Kindheitserinnerungen mit der Realität in Einklang zu bringen sind. Auch wenn sich in den Städten viel verändert hat: Das Klima, die Luft, die Gerüche, das Licht - all das bleibt. Es war wunderbar."

Ob aus der kleinen Rebecca eine Sängerin wird, war lange nicht klar. Sie nutzte das Ausbildungssystem in Amerika, das einen nicht sofort auf ein konkretes Berufsbild festlegt, studierte also Klavier und Gesang. "Das Klavier war mein Ding. Aber um da Karriere zu machen, muss man wohl mit zwölf ein Genie sein. Ich hätte vielleicht Lehrerin werden können, doch das wollte ich nicht."

Rebecca Martin gab also gleich zwei Abschlusskonzerte, ausschlaggebend war die Vokaldarbietung. "Ich habe was Tragisches gesungen, da kam eine Freundin zu mir und meinte: ,Ich habe richtig geweint’. Da wusste ich: Das ist meine Bestimmung. Der Drang zu kommunizieren hat mich schon immer durch alle Höhen und Tiefen getragen. Und richtig agieren geht ja nur auf einer Bühne - nicht am Flügel."

Inzwischen hat es sich Rebecca Martin im Mezzo-Fach gut eingerichtet. Carmen, Niklaus, Cherubino, Barockes, aber auch Ausflüge zum "zweiten Sopran" wie Donna Elvira. Und nun ihre erste Rosina, mit der ihr gleich Flügel verliehen wurden. "Wie man sich damit auf den Proben verhält, fand ich interessant", sagt Rebecca Martin. "Anfangs spielt man einen Menschen mit Flügeln, erst mit der Zeit lernt man, Schmetterling zu sein."

Claus Guth habe eher ein Regie-Gerüst gegeben und zum Improvisieren aufgefordert. Jede Vorstellung, so die Absicht des Regisseurs, könne ein bisschen anders ausfallen. Rebecca Martin: "Manches ist in der Inszenierung bewusst oberflächlich gedacht, weil man dann anders auf die Figuren schauen kann. Im zweiten Akt werden wir Menschen, die Ebenen vermischen sich. Gerade das fasziniert mich. Denn ganz ehrlich: Ist zu viel Naturalismus bei einem solchen Stück nicht manchmal richtig lächerlich?"

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