Rossinis "Türke" im Taschenformat

Pasinger Fabrik: - Stammtischler sollten sich die Schaumflocken abtupfen und einer Sache ins Auge sehen: Die Türkei ist längst EU-Mitglied, musikalisch gesehen jedenfalls. Dies vor allem dank Mozarts Alla-Turca-Kabinettstück oder der "Entführung", spätestens seit Rossinis "Türke in Italien". Wobei sich das Grundmuster von Letzterem - exotischer Lover spannt altem Zausel die Frau aus - problemlos umtopfen ließ und als Bayer in Vorpommern ebenso funktionieren würde.

Stückgemäß aufgekratzt präsentierte sich das Team der Pasinger Fabrik, das die Rossini-Buffa zum zehnten Geburtstag von "Münchens kleinstem Opernhaus" herausbrachte. Benjamin Künzel hatte die Partitur für ein zehnköpfiges Ensemble eingedampft, das sich unter Andreas P. Heinzmann in der Ouvertüre schier den Wolf fiedelte, später mit moussierenden Mini-Pointen glänzte.

Auch Regisseur Alexander Netschajew vergriff sich auf angenehme Weise am Stück, kürzte, führte - neben den Rezitativen - deutsche und raffende Dialoge ein. Nähert sich Rossini der Überschallgrenze oder legt sich Amore-Atmosphäre über die Bühne, kippt der Text ins italienische Original. Was nicht nur sinnvoll ist, sondern schlicht schöner klingt. Thematisiert wurden gern Beziehungsweisheiten, die auch die Regie aufgriff: Selim (Sebastian Campione) bezirzt als Strizzi in Weiß Fiorilla (Irina Prodan), was dem meist augenrollenden Gatten (Peter Kellner) gar nicht passt. Wenn frauliche Emotion überkocht, dann bleibt der Begehrten nur heftiges Haareraufen und ein Ringkampf mit der Nebenbuhlerin (Katharina Heiligtag). Ein weiterer Fiorilla-Fan hat in Pasing gar nichts zu melden, er gefällt sich dafür in herrlichen Posen als gespreizter Tenor (Stefan Kastner). Und Oscar Quezada gibt dazu als "Poet" den dezibelverliebten Strippenzieher.

 Das Pasinger Rezept ging auch hier auf. Oper im Taschenformat und hautnah, so etwas funktioniert ja automatisch. Netschajew hatte eine Spar-Ausstattung verordnet: ein paar multifunktionale, oft sinnfreie Bühnenquader vor einem Flitter-Vorhang - das war‘s. Einziger Einwand: Angesichts dieser Rossini-Steilvorlage hätte alles durchaus schräger, absurder, risikolustiger sein dürfen. Gesungen wurde hochachtbar, manchmal zu lautstark, im Falle von Irina Prodan herausragend. Das muss die Staatsoper mit ihrer Festspielproduktion erst mal toppen. 

Aufführungen

bis 19.8. (19.30 Uhr), von 19. bis 24.7. auch als Open Air in Schloss Blutenburg (20 Uhr)

Tel. 089/ 82 92 90 79

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