Der rote Faden reißt

- Alles, was in der Garderobe hängt, ist rot: die Kleidchen, Boas, Badelatschen und Sporttaschen, die die Schauspielerinnen tragen. Sie sind rot wie Ariadnes Faden, der rote Faden dieser Produktion. Und sie signalisieren starke Gefühle: Liebe, Zorn, Raserei. Cornelia Melián hat als künstlerische Leiterin den thematischen Faden gesponnen für diese "Ariadne - eine musikalische Spurensicherung", die morgen im Münchner i-camp (Entenbachstr. 37) uraufgeführt wird.

<P>Melián, ausgebildete Sängerin, Stimmtrainerin des Residenztheaters, hat 1991 mit Pianistin Sabine Liebner die Micro Oper München gegründet: "Wir wollten in der teuersten Kunstform so arbeiten, wie es das freie Theater tut. Musikproduktionen gab es da aber kaum." Allerdings wäre das Wetteifern mit der großen Oper nicht viel versprechend, wenn Melián nicht auch einen ganz anderen Ansatz hätte: "Wir machen kein Musiktheater, in welchem, wie in der Oper, vor allem eine Geschichte erzählt wird. Wir inszenieren die Musik selbst, zumeist zeitgenössische."</P><P>Allen Projekten der Micro Oper in den vergangenen Jahren, die etwa auf der Münchener Biennale, den Ludwigsburger Festspielen oder in Hamburgs Kampnagel Fabrik zu sehen waren, lag die Neugier zugrunde, "was man aus der Oper als biedermeierlichem und bürgerlichem Kraftraum machen kann".</P><P>Etwas Neues soll auch bei dieser "Ariadne" entstehen. Hintergrund ist der antike Mythos: Königstochter Ariadne verliebt sich in Theseus und spinnt ihm einen Faden, an welchem er aus dem Labyrinth des Minotaurus zurückfinden soll. Nach gelungener Flucht verlässt er sie jedoch. "Als Sängerin stößt man immer wieder auf Ariadne. Monteverdi komponierte ihr die erste Opernarie überhaupt. Etliche Barockkomponisten beschäftigten sich mit ihr", sagt Melián.</P><P>In diesem Fall hat Helga Pogatschar die Musik für fünf Sängerinnen und Schauspielerinnen komponiert, die jeweils einen Aspekt der Ariadne verkörpern: Kind, Liebende, Wahnsinnige, Rebellin und weise Frau. Melián hat Sagen und Mythen rund ums Spinnen und die Spinne zusammengetragen, von Platon bis zum Buddhismus. Verbindende Klammer ist aber eine Idee Michel Foucaults: Ariadne ist es müde, auf Theseus zu warten. Der Faden reißt.</P><P>Saule Ryan, Regisseur dieses Ariadne-Bilderbogens, will sich damit in Deutschland vorstellen. Er ist Mitbegründer des französischen Roy Hart Théâ^tre, das sich der künstlerischen Erforschung der Stimme widmet. Cornelia Melián hat mit einem Musikstipendium der Stadt München dort 2001 studiert: "Die Stimme wird als Mittelpunkt des Menschseins betrachtet und nicht auf ästhetische Gesichtspunkte beschränkt. In unserer CD-Kultur geht es vor allem um das, was schön ist für die Ohren. </P><P>Nicht um die Unmittelbarkeit der Stimme." Damit experimentieren zu können und alle Beteiligten in den Entwicklungsprozess einzubeziehen, sei der Vorzug des freien Theaters. Was hier bedeutet: Proben bis spät in die Nacht, weil jeder seinem Brotberuf nachgehen muss. Die Vorteile der Staatstheater-Infrastruktur zu nutzen, stellt für Melián freilich auch einen Reiz dar: Für den Marstall hat sie bereits eine Produktion in Planung.</P><P>Bis 16. Januar. Tel. 089/65 00 00. <BR></P>

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