Die rote Schneise der Verwüstung

München - Die Schienen sind, kaum mehr erkennbar, in den Boden versenkt. Der riesige rote Klotz, der sich darauf bewegt hat, durchschlug die Raumwände und zerstörte die Türstöcke. 40 Tonnen Rot aus Wachs, Vaseline und Farbe haben eine Schneise der Verwüstung geschaffen, blutrote Spuren hinterlassen und stehen jetzt als undefinierbares Etwas zwischen Aggression und Faszination mitten im Münchner Haus der Kunst.

Anish Kapoor bringt mit dieser Arbeit "Svayambh", was in Sanskrit so viel heißt wie "selbst erzeugt", Aufruhr in die Haupträume. Der Block quetscht, zerstört und bildet Architektur, er weckt historische Assoziationen im ehemaligen Hitler-Bau, er interpretiert also Gewaltentstehung und apokalyptische Szenen.

Und er genügt in seinen Dimensionen und mit seinem Material aber auch ganz sich selbst. Keine Texte oder Erklärungen sollen künftig diese theatralische Inszenierung stören. 45 Mann haben vier Wochen lang daran gearbeitet, um hier sinnliche, politische und philosophische Ansätze zur Skulptur Realität werden zu lassen. Die Gigantomanie war und ist erfolgreich: Selten hat eine Installation wie ein Donnerschlag berührt.

Für den Besucher gibt es kein Entrinnen

Anish Kapoor schafft mit seinen Arbeiten etwas fast Unglaubliches: Er kettet Raumspezifisches und gänzlich Ungebundenes zusammen, reagiert auf Architektur, um sie gleichzeitig neu zu besetzen. Er formt Abstraktes, um es in Assoziationen zu tauchen und wieder neu entstehen zu lassen. Er verknüpft eine immense Portion Sinnlichkeit mit Bedrohung, ja auch mit Gewalt.

Nie jedoch werden die Gedanken, die aktuellen Bezüge zu konkret: Das Objekt an sich strahlt den Reiz des Undefinierbaren aus, das Widersprüche in eine unwiderstehliche Form kleidet und den Betrachter auf eigentümliche Weise fasziniert. Der gebürtige Inder beweist, dass Material zum Gedanken und der Fluss der Ideen wiederum zum puren Material werden kann. Und damit, verbunden mit der populären Wirkung seiner Skulpturen, ist er einzigartig.

In den Räumen rund um "Svayambh" schmeichelt der renommierte Künstler, Jahrgang 1954, dem Auge des Betrachters. Große Trichter aus Kunstharz ziehen den Flaneur zunächst einmal an, um die Außenwelt draußen zu lassen und sich auf das, was nun passiert, zu konzentrieren. Nachfolgend definiert eine spiegelnde "S-Curve" (2006) den Raum neu und wirft sein Gegenüber mitten hinein in eine glänzende Welt des Scheins.

Seltsame Pigmenthügel definieren danach neue, immens intensive und doch fragile Formen zwischen Architektur, Biomorphem und puren Gedanken. Bevor einen die riesige gelbe Wandvertiefung ("Yellow", 1999) komplett einsaugt: Bei Kapoor gibt es kein Entrinnen.

Er reißt dann die Wand auf zu einem meterhohen Schlitz, der fleischig rot Verletzung suggeriert.

Er zeigt aber auch weiche, "schwangere" Wölbungen. Die sanfte bis massive Sinnlichkeit der Räume, der Wände, der Farben und der Spiegelungen nehmen augenblicklich gefangen und lösen grundsätzliche Denkprozesse aus. Ob man will oder nicht.

Bis 20. Januar 2008,

Mo. bis So. 10 - 20 Uhr. Der Katalog noch nicht erschienen.

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