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Am 8. März ist endgültig Schluss. Jetzt ist die letzte Chance, die Kandinsky-Ausstellung zu besuchen.

Rote Trompeten wie in Seeshaupt

Zum Abschluss der Ausstellung: Wassily Kandinsky über München, Oberbayern, Geistiges und abstrakte Malerei

Die Ausstellung „Kandinsky – Absolut Abstrakt“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses, die bisher über 385 000 Besucher gesehen haben, endet am kommenden Sonntag. Tipp: erst abends die Schau aufsuchen. Die Präsentation der besten Bilder aus dem Schaffen von Wassily Kandinsky (1866-1944) geht anschließend nach Paris und New York. Wir „befragten“ den russischen Künstler, der in Bayern seinen Durchbruch hatte und den Blauen Reiter begründete, zu seinen Eindrücken.

-Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?
Ich habe das Gefühl der Genugtuung, des Sieges. Wie im Kampf, wie in der Schlacht kommen frische, die alten ersetzende junge Kräfte.

-Sie übersiedelten im Dezember 1896 nach München. Was waren Ihre ersten Empfindungen?
Es war ein scheckiger Schimmel (mit Ockergelb im Körper und hellgelber Mähne) in einem Pferderennspiel, den ich und meine Tante ganz besonders liebten. Es ist mir eine Freude, solch einen Schimmel in München zu sehen. ... Er weckt die in mir lebende Sonne. Es war einer meiner ersten Eindrücke – und der stärkste. Dieser scheckige Schimmel machte mich plötzlich in München heimisch.

-Wie kamen Sie überhaupt zur Abstraktion?
Zehn Blicke auf die Leinwand, einer auf die Palette, ein halber auf die Natur. So habe ich gelernt, mit der Leinwand zu kämpfen. Zur bestimmten Zeit werden die Notwendigkeiten reif. D.h. der schaffende Geist (welchen man als den abstrakten Geist bezeichnen kann) findet einen Zugang zur Seele, später zu den Seelen und verursacht eine Sehnsucht, einen innerlichen Drang. Wenn die zum Reifen einer präzisen Form notwendigen Bedingungen erfüllt sind, so bekommt die Sehnsucht... die Kraft, im menschlichen Geist einen neuen Wert zu schaffen.

-Warum bezeichnen Sie Ihre Bilder oft bloß als „Improvisation“ oder „Komposition“?
„Impressionen“ als „Eindrücke von der äußeren Natur“, „Improvisationen“ als „Eindrücke von der inneren Natur“ und „Kompositionen“, auf ähnliche Art (aber ganz besonders langsam) sind sich in mir bildende Ausdrücke, welche lange und beinahe pedantisch nach den ersten Entwürfen von mir geprüft und ausgearbeitet werden.

-Wie kommentieren Sie die Abneigung mancher Menschen gegen abstrakte Malerei?
Das Verhüllen des Geistes in der Materie ist oft so dicht, dass es im allgemeinen wenig Menschen gibt, die den Geist durchsehen können. Die Menschen werden verblendet. Eine schwarze Hand legt sich auf ihre Augen. Die schwarze Hand gehört dem Hassenden. Der Hassende versucht durch alle Mittel die Evolution, die Erhöhung zu bremsen.
-Sie wechselten in Ihrem Werk während der Jahrzehnte öfters den Stil.
Die Form ist der äußere Ausdruck des inneren Inhaltes. Deshalb sollte man sich aus der Form keine Gottheit machen. Und endlich hat auch jede Zeit eine ihr speziell gegebene Aufgabe, die durch sie mögliche Offenbarung. Die Abspiegelung dieses Zeitlichen wird als Stil im Werk empfunden.

-Wie schätzen Sie unsere aktuelle Kunst ein?
In der bildenden Kunst (ganz besonders in der Malerei) begegnen wir heute einem auffallenden Reichtum der Formen, die teils als Formen der einzel stehenden großen Persönlichkeiten erscheinen, teils ganze Gruppen von Künstlern in einem großen und vollkommen präzis dahinwallenden Strom. Und so genügt es, wenn man sagt: alles ist erlaubt.

-Wie gehen Sie mit Kritik um?
Der ideale Kunstkritiker wäre also nicht der Kritiker, welcher die „Fehler“, „Verirrungen“, „Unkenntnisse“, „Entlehnungen“ usw. usw. zu entdecken suchen würde, sondern der, welcher zu fühlen suchen würde, wie diese oder jene Form innerlich wirkt, und dann sein Gesamterlebnis dem Publikum ausdrucksvoll mitteilen würde.

-Sie mussten Deutschland 1933 wegen der Nazis verlassen. Wie ist Ihre Beziehung zu dem Land?
Die Deutschen sind gut zu mir, ½ deutsch bin ich gewachsen, meine erste Sprache, meine ersten Bücher waren deutsch, als Maler ,fühle‘ ich Deutschland.

-Und wie steht’s um Ihre doch sehr schwierige Liebesgeschichte zu Gabriele Münter, die Sie gern Ella nennen?
Mein Ellchen ist eine Deutsche. Und...doch!

-Oberbayern hat Ihnen schon sehr zugesagt und Sie zu Ihren Bildern inspiriert. Erinnern Sie sich?
Rote Trompeten wie in Seeshaupt. Birke mit weißgelbem Stamm wie in Schlehdorf, im Schatten eine Menschenmenge. Lieblicher Hintergrund – Berge wie in Bad Kochel, blauer Wald und bunte Boote mit Segeln.

- Sie haben Schwabing wiedergesehen. Wie war’s?
Heute – nach so vielen Jahren – hat sich die geistige Atmosphäre in dem so schönen und trotz allem doch so lieben München grundsätzlich verändert. Das etwas komische, ziemlich exzentrische und selbstbewusste Schwabing, in dessen Straßen ein Mensch ohne Palette, oder ohne Leinwand, oder mindestens ohne Mappe sofort auffiel wie ein Fremder in einem Nest. Alles malte – oder dichtete, oder musizierte, oder fing zu tanzen an. In jedem Haus fand man unter dem Dach mindestens zwei Ateliers, wo manchmal nicht gerade viel gemalt wurde, aber stets viel diskutiert, disputiert, philosophiert und tüchtig getrunken (was mehr vom Geldbeutel als vom Moralzustand abhängig war).

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

Zitate aus:

Brief an Gabriele Münter (Münter-Eicher-Stiftung);
Essays „Rückblick“;
„Das Geistige in der Kunst“;
„Über die Formfrage“.

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