Routinierte Riege

- Eines Tages stand in New York ein Mann auf der Straße und dirigierte ein Orchester. Aber das Orchester gab es nur in seiner Einbildung. Die tragischen Umstände seines Lebens, die ihn zur Emigration gezwungen haben, hatten ihn um den Verstand gebracht: Paul Abraham (1892-1960), genialer Komponist von Operetten.

<P>Eine davon: "Viktoria und ihr Husar". Das Libretto hoffnungslos verstaubt. Aber die Melodien! "Meine Mama ist aus Yokohama", "Mausi, süß warst du heute Nacht", "Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände" usw. - die müssen gerettet werden. Also schuf Helge Thoma eine Rahmenhandlung - und siehe da, man könnte das alles wieder ohne Peinlichkeit aufführen. Die Münchner Komödie im Bayerischen Hof hat es jetzt versucht: "Mich hätten Sie sehen sollen!"<BR><BR>Die Geschichte: In einem Heim für alte Künstler arrangieren die Sänger von einst noch einmal eine Aufführung der Abraham-Operette. Ein Uralt-Aufguss aus goldenen Jugendjahren. Und das alles als ein Geburtstagsgeschenk für die einstmals Größte in ihrer Mitte, für Eleonore Kluuse (Monika Dahlberg).<BR><BR>Eigentlich eine wunderbar komische und eine ergreifend tragische Geschichte. Da ist erstens die blanke Klamotte mit den gängigen Komödiantenwitzen. Zweitens die doppelte Dreiecks-Liebesgeschichte - die der Operettenhandlung sowie jene zwischen den alten Beaus (Gerhart Lippert, Rudolf Otahal) und der üppig gewordenen Diva. Und durch alles zieht sich die Tragik dieser "Bühnentiere", die - zerknittert, schwerhörig, lendenlahm und steif im Kreuz - in der Wirklichkeit nie angekommen sind. Die nur leben können wie die Motten im Licht.<BR><BR>Das Ineinandergreifen der verschiedenen Ebenen - das macht den Wert dieses Stücks aus. Darin bestünde die hohe Kunst einer Aufführung. Was indes die Komödie bietet, ist lediglich die wohlfeile Routine einer alternden Boulevard-Riege, von Helmut Fuschl so platt wie möglich inszeniert. Mich hätten Sie sehen sollen? Lieber nicht.</P>

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