Ruckzuck durchs Leben

- Marilyn Monroe, Hollywoods süße, traurige Sphinx - für alle wahren Fans muss jede Form von Nachstellung ihres Lebens eine Beschädigung ihres Idols sein. Aber die Kulturindustrie ist gnadenlos gefräßig: Früher oder später wird jeder große Star zum Material. Vertextet, vertont, vertanzt. Und jetzt, da die Monroe (am 1. 6.) 80 geworden wäre, musste sie dran glauben. Gemessen am Jubelapplaus bei der Uraufführung im Gärtnerplatztheater ist "Marilyn - das Musical" von Olivier Truan & David Klein (Musik) und Georg Büttel (Buch/Songs) ein voller Erfolg und Titeldarstellerin Anna Montanaro Münchens frisch gekürter Publikumsliebling.

Hollywood stylte die junge Norma Jean Baker nach den gut zu vermarktenden Klischee-Maßstäben auf kurvige Blondinenschönheit. In ihrem unbedingten "Willen nach oben" ließ sie es geschehen, aber sie wurde nie eine entrückte Leinwand-Göttin wie die Garbo. Durch die schöne Maske sah man immer auch dieses gefährdete Wesen im Taumel zwischen Selbstzweifel, talentbewusster Selbstbehauptung und einem maßlosen Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung, wie es sich aus ihrer wurzellosen Kindheit zwischen Pflegeeltern und Heimen erklärt. Sie blieb, trotz allem Glamour, immer auch Norma Jean - in ihrer ganzen Verletzlichkeit. Das machte ihre Anziehung aus, ihre Größe und ihre Tragik. Und genau von daher hätte sich das Phänomen Marilyn aufrollen lassen.

Dafür hätte es die Pranke eines Meisterlibrettisten gebraucht. Hier wurde jetzt allerdings der Weg des geringsten Widerstandes gewählt: die konventionell im Digestverfahren nacherzählte Vita - immerhin stilvoll inszeniert in einem psychologisch tragenden Bühnenbild: Ein riesiges im Bühnenzentrum aufragendes "Fenster" zeigt ( Filmset-ähnlich) per Live-Video die jeweilige Spielszene auch von oben, wird so zur Metapher für Marilyns Selbstbespiegelung und doppelte Persönlichkeit. Eine verführerische Optik, die sich mit wenigen technischen Kniffs zur heißen Swimmingpool-Party der Filmbosse verwandelt oder zum Flughafen in Korea, wo Marilyn für die Moralstärkung der Truppen ihren DiMaggio stehen lässt.

So geht das, Schnuckel-Kuschel, Küsschen-Küsschen für Ehemann eins, zwei und drei, ruckzuck von einer Lebensstation zur anderen. Fast nichts ist ausgelassen und Figuren über Figuren - immer nur als Stichwortgeber. Da kann sich dramatisch nicht viel entwickeln. Möglich gewesen wär's schon, wie die hitzig-bittere Ehe-Endabrechnung des genervten Intellektuellen-Gatten Miller und einer sehr klarsichtigen, scharfzüngigen Marilyn beweist. Gut gespielt von Heiko Ruprecht und Anna Montanaro, die bis dahin zu sehr das Klischee des blonden, überdreht spaßigen Dummchens ausstellt.

Na okay, ihr Temperament und ihr kräftig metallisches Musical-Organ geben diesem kaum je Song-schmetternden, im Grunde schauspielnahen Musical mit seinen langen Sprechpassagen etwas Pep. Aber mehr "Marilyn" ist die in der Voraufführung gesehene träumerisch weichere, samt-stimmige Caroline Frank, die bei der Premiere auch so exquisit als gute Schattenschwester Jean Harlow aus der Leinwand herabschwebt. Das von ihr gesungene "Ein Star ist ein Star" ist einer der wenigen Originalsongs, allerdings auch kein einprägsamer Hit.

Den ohrwurmigen Schmelz müssen die Marilyn-Songs liefern: "My heart belongs to Daddy" und "Diamonds are a girl's best friend", fesch als Duett hingefetzt von Montanaro und Frank. Und Siggy Davis gibt mit authentisch schwarzer Stimme Ella Fitzgeralds rauchiges "I wanna be loved by you". Das Orchester im Graben ist kleiner als sonst bei Musicals. Nichts dagegen einzuwenden, denn Klein & Truan haben sich auf Marilyns Lieblingsmusik konzentriert: den Jazz. Dabei schillern sie hinein in Swing und Cool Jazz, flechten Klassik-Zitate ein, für die Damen Balladenhaftes, für den Dichter Miller auch mal einen streitwütigen Rap.

Dies alles ist unter Andreas Kowalewitz kompetent gespielt. Alles sehr dezent. Auch der Tanz bewegt sich eher im Understatement-Bereich: ein Traum-Pas-de-deux für M. M. und Kennedy, ein bisschen Ballroom-Schwof der Gruppe und sonst schrittsimpler Bewegungschorus. Die schräg-bunten Kostüme im 40er-/ 50er-Look machen einiges wett. Mal ehrlich: Wo doch die Marilyn-Story sowieso jeder kennt, hätte es musikalisch und choreographisch nicht doch ein bisschen aufregender werden können?

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