"Rudebox": Wie vom Sargschreiner

- Es ist nicht überliefert, wie sie in den oberen Etagen der Firma Capitol/EMI reagiert haben, wie viele Köpfe geraucht haben, gewaschen wurden, gerollt sind, als Robbie Williams' neue Platte erstmals durch die hauseigenen Mahagoni-Boxen knarzte. Seine dritte für das Label, wieder keine gute -­ eine grottenschlechte sogar, folgt man dem Medien-Reflex seit "Rudebox" Anfang der Woche erschien.

So mies, wie Williams gemacht wird, ist er nicht. Nur reichlich uninspiriert, lustlos. Im Video von "Rudebox" hampelt der Star mit nachtschwarzen Augenrändern zu Hip-Hop-Beats und rappt dabei so lebensbejahend wie ein Sargschreiner ­ passend zu den neuesten Depressions-Meldungen der Regenbogenpresse. Die Medienschelte ist denn auch Ausdruck ohnmächtiger Enttäuschung darüber, dass Darling Robbie ausgelaugt zu sein scheint: Wir wollen unsern Kaiser Williams wieder haben! Wenn das so einfach wäre…

Geht man nach den Zutaten, könnte "Rudebox" richtig unterhaltsam sein. Williams in seiner Not wendet sich dem alten Hip-Hop und 80er-Synthie-Pop zu, hat zu dem Behufe sogar die sagenhaften Pet Shop Boys für zwei Songs rekrutiert.

Das passt doch gar nicht zu ihm, stöhnt der Fan. Doch genau der scheint Williams zunehmend wurscht zu sein: Wenn wir ein bisschen unsere Fantasie spielen lassen, sehen wir Robbie, wie er seine Füße ins Azur seines Pools in L.A. baumeln lässt, die Leere des Popstar-Daseins verspürt und sich überlegt, wie er ein wenig Sinn aus seinem Tun herauspressen kann ­ das Album als Hilfeschrei. Songs mit Titeln "The 80‘s", gefolgt von "The 90‘s" und "Good Doctor" stützen diese These: Hier referiert er über eine trostlose Kindheit, seine Drogen-Eskapaden bei "Take That" und seine derzeitige Tabletten-Sucht.

Zu großer Kunst gerinnen diese Befindlichkeiten nicht. Gute Songs, Ohrwürmer gar, wie sie ihm der verflossene Guy Chambers auf den Leib schrieb: Fehlanzeige. Bei manchen, etwa dem schauderhaften Remake des schauderhaften Manu-Chao-Schlagers "Bongo Bong", scheint er sogar auszuloten, was er seinem Publikum zumuten kann. Solche Verweigerung des ewig Gleichen imponiert. Besser wird "Rudebox" dadurch nicht. Die Arbeit daran sei "wie ein Urlaubstag" gewesen, "an dem man trotzdem arbeiten geht", soll Williams gesagt haben. Es wäre ihm und uns zu wünschen, dass er wirklich mal Urlaub nehmen könnte.

Robby Williams: "Rudebox" (EMI).

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