+
„Ich bin freier geworden“: Pianist Rudolf Buchbinder über seine Erfahrungen mit Beethovens 32 Sonaten.

Rudolf I., König der Wiener Klassik

Sie gelten als das Neue Testament der Klavierliteratur: Vor 30 Jahren hat Rudolf Buchbinder Beethovens 32 Sonaten schon einmal aufgenommen, jetzt wagte er sich erneut daran. Ein Besuch beim derzeit wichtigsten Beethoven-Pianisten in seinem Wiener Domizil.

Der eine hat ein weiches Naturell. Eher passiv ist er, geschmeidiger, vielleicht sogar nachgiebiger. Und der andere? „Ist eine Bombe.“ Knallhart, auf Wunsch vorlaut, keinen Fehler verzeihend. Und dennoch sind sie zur Zweisamkeit verdammt: Ineinander geschmiegt stehen die Steinway-Flügel im Arbeitszimmer von Rudolf Buchbinder. Wobei Arbeitszimmer: Eine Galerie ist das mit weitem Blick auf die Grinzinger Gegend im Nordwesten Wiens. Der Wienerwald läuft hier sanft ins Becken der Donaustadt aus, Weinberge sind zu sehen, ein paar versprengte Häuser, vom nur 15 Autominuten entfernten Zentrum ist nichts zu spüren, vor allem zu hören – schwer vorstellbar, dass sich bei diesen Ausblicken jemand Beethovens Sonaten ins Gedächtnis hämmern kann.

„Ich gebe zu, es ist schwer, hier zu üben“, räumt Buchbinder ein. Das Haus hat er sich vor 35 Jahren nach seinen Entwürfen bauen lassen. Das Gitter draußen und die schmucklosen weißen Fassaden führen den Erstbesucher auf eine falsche Fährte. Was drinnen entstanden ist, das ist nämlich das Palais Rudolfs I., dem zurzeit ungekrönten Wiener-Klassiker-König. Der Innenhof mit Brunnen und Teich atmet italienische Patio-Atmosphäre, in Gängen und Treppenaufgängen hängt Selbstgemaltes, stimmungsvolle, mit wenigen, starken Strichen und Flächen hingeworfene Impressionen („Ich bin nicht gut genug, in der Ecke dürfen sie aber hängen.“). Und oben, in der Arbeitsgalerie zeugen wandflächengroß bestückte Bücherregale vom Forschungsdrang des Musikers.

Allein 27 Ausgaben der Beethoven-Sonaten besitzt der 64-Jährige. Und kaum eine findet seine Gnade. Buchbinder greift wie wahllos ins Regal, schlägt einen Band auf und deutet in die Noten. Falsche Dynamikangaben, fehlerhafte Phrasierungsvorschriften, Fingersätze: Der Star kann sich herrlich entrüsten über das Material. „Eine der besten Ausgaben ist die von Franz Liszt. Was mich ärgert ist, dass es keine echte Urtextausgabe gibt. Und überhaupt: Was haben Fingersätze in einer solchen Edition zu suchen? Wollen die einem etwa eine Interpretationsausgabe vorsetzen?!“

Vor diesem Hintergrund bedeutet Buchbinders Wiedervorlage der 32 Sonaten auch etwas anderes: Nicht nur interpretatorisches Manifest ist diese CD-Box, auch Ergebnis seiner archivarischen Studien. Die Subjektivität des Spielers trifft hier auf die Objektivität des Forschers. Was aber nicht bedeutet, dass sich da einer sklavisch seinem eigenen Konzept unterwirft, im Gegenteil: „Ich bin freier geworden“, sagt Buchbinder. Früher sei er, wie andere Interpreten auch, intoleranter, strenger gewesen. Doch heute hat er erkannt: „Beethoven ist für mich der romantischste Komponist.“ Viel zu puritanisch nähere sich mancher seinen Werken. „Dieses Exakte, Unflexible stört mich – und genauso sind meine alten Aufnahmen.“

Wer nun zur Neueinspielung greift, der hört vor allem eines: Selbstverständlichkeit. Unmöglich, hier einzelne Sonatensätze zu würdigen. Aber ob Buchbinder Beethovens empfindsamem Melos nachspürt, ob er seinen grotesken Humor aus den Tasten stanzt, ob er Dramatik grollen oder Lyrismen zartbitter aufblühen lässt: Kein einziges Sechzehntel wirkt dabei ausgestellt. Selbst Hits wie die „Mondscheinsonate“, die „Appassionata“ oder die „Pathetique“ leiden nicht unter dem Druck, sich die angeblich dringendst notwendige Deutungsneuerung aus den Fingern zu saugen. Überdies geht Buchbinder so risikolustig wie grundehrlich vor: Nie wird hier etwas mit zu viel Pedal oder Hyper-Dramatik verkleistert. Diese Sonaten sind sich selbst genug, sind nicht Buchbinder, sondern Beethoven pur.

Die Natürlichkeit mag auch an der Aufnahmesituation liegen. Buchbinder lehnt Studio-Einspielungen mittlerweile ab. Diese neun CDs sind Ergebnis mehrerer Konzerte, die der Österreicher in der Dresdner Semperoper gegeben hat. Überhaupt ist Buchbinder keiner, der sich ständig kontrollieren mag – was bei Studiositzungen zwangsläufig der Fall ist. Seine alten Aufnahmen legt er fast nie in den CD-Spieler. „Das macht mich wahnsinnig. Meine Frau darf das im Auto hören, wenn sie allein ist.“

Außerdem hat Buchbinder ja kaum Zeit, in Erinnerungen an eigene Tastenabenteuer zu schwelgen. Neben dem Malen hat er nämlich noch eine weitere Schwäche. Die offenbart sich in einem anderen Raum seiner Villa. Wieder spielen Schränke eine Rolle. Zimmerdeckenhoch türmt sich da die DVD-Sammlung des Pianisten. Keine Musikvideos sind das, sondern fast ausschließlich Kinofilme. Und zieht Buchbinder eine Schublade heraus, dann reihen sich die DVDs gar doppel- und dreifach. Wer sich das wann alles anschauen soll? „Keine Sorge, das ist kein reines Archiv, das wird von mir tatsächlich benutzt.“

Immerhin von einigen alten Lieben hat sich Buchbinder mittlerweile getrennt. Früher besaß er eine große Anzahl von Originalinstrumenten, unter anderem auch ein historisches Mozart-Klavier. Die meisten hat er wieder verkauft: Mag sein, dass dem Jäger und Sammler Buchbinder selbst sein Wiener Vorstadt-Domizil zu klein geworden war – oder seine Frau ultimativen Einspruch eingelegt hat.

Zeit für all diese „Nebentätigkeiten“ scheint er tatsächlich zu haben: Buchbinders Arbeitsstil ist das Gegenteil des Klischee-Virtuosen. Kein stundenlanges Üben also, keine ewigen Wiedervorlagen am Flügel. „Ich arbeite mehr mit dem Kopf, das ist ökonomischer. Ich kann wochenlang ohne Spielen auskommen.“ Bevor sich Buchbinder also ans Klavier setzt, hat er das meiste im Gedächtnis parat. Kein Ausprobierer ist er, eher ein Abrufer. „Deshalb ist meine Technik auch besser als vor zehn Jahren.“ Die beiden Brahms-Konzerte fielen ihm leichter als früher. Überhaupt macht er nicht viel Aufhebens von seiner Musikerexistenz – sagt er zumindest: „Zum Leidwesen aller war ich als Jugendlicher am liebsten im Fußballtor. Vielleicht ist meinen Fingern deshalb nichts passiert, weil ich nicht übertrieben auf sie aufpasse. Und meine Steinways behandle ich nicht wie heilige Dinge, ich lebe einfach mit ihnen.“

Ludwig van Beethoven:

„The Sonata Legacy“. Rudolf Buchbinder (RCA, 9 CDs).

Markus Thiel

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Elvis bebt - und Priscilla ist der PR-Gag: Konzertkritik zu „The Wonder of You“
Der König ist tot, es lebe der König! Was Elvis Presley zu Lebzeiten nie schaffte, nämlich ein Konzert in München zu geben, das holte er jetzt nach: die Konzertkritik …
Elvis bebt - und Priscilla ist der PR-Gag: Konzertkritik zu „The Wonder of You“
Das Merkur-Konzertabo für unsere Leser
Zum neunten Mal bietet der Münchner Merkur in Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Konzertabo an. Vier hochkarätig besetzte Abende …
Das Merkur-Konzertabo für unsere Leser
Klaus Florian Vogt: „Ich bin gerne in einer anderen Welt“
Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt steht vor dem härtesten Brocken seiner Karriere: Am Sonntag debütiert er als Tannhäuser - dies in einer Neuproduktion an der Bayerischen …
Klaus Florian Vogt: „Ich bin gerne in einer anderen Welt“

Kommentare