Rückkehr eines Fürstenhauses

- Eigentlich sind die Zeiten adliger Privatsammler längst staatlichen Institutionen und wissenschaftlichen Konzepten gewichen. Nicht so in Wien. Mit der Eröffnung des Liechtenstein Museums ist ein Fürstenhaus zurückgekehrt: Prunksäle vereinen üppigsten Rubens und lichteste Pozzo- und Rottmayr-Fresken, zeigen neue Konzeption im historischen Gewand.

<P>Seit dem 17. Jahrhundert haben die Fürsten von und zu Liechtenstein leidenschaftlich gesammelt. Ihre Auslese der Kunstgeschichte von der Frührenaissance bis zur Romantik ist nun mit ganzem Charme und Subjektivität im Gartenpalais zu sehen. Glanzpunkte aus einem Fundus von 1 600 Gemälden, unzähligen Skulpturen und kunsthandwerklichen Arbeiten werden gebündelt: Raffael und Brueghel, Cranach und Franz Hals, Rembrandt und Waldmüller und immer wieder Rubens.</P><P>Barocke Lebenslust entspricht dem Hause Liechtenstein in punkto Kunst. 23 Millionen Euro kostete die Restaurierung des Gartenpalais, wo erstmals auch Bibliothek und Damenappartements zugänglich sind. 300 000 Besucher erwartet Fürst Hans Adam II. dafür heuer in dem eigenständigen Familienbetrieb. Seit 1807 wurde dort die Sammlung museal präsentiert, bis die Familie 1938 mit ihrem Kunstschatz nach Vaduz flüchten müsste.</P><P>Zur Reise durch die 2 300 Quadratmeter lädt eine Prunkkutsche ein. Fischer von Erlach, Domenico Rossi und Domenico Martinelli entwarfen den großzügigen "römischen Palast". In der Beletage beherrscht den größten profanen Barocksaal Wiens Pozzos kräftiger Herkules. Von hier aus öffnet sich in sieben Räumen die ständige Sammlung mit 170 Exponaten: Dichte und lichte Hängung wird kombiniert mit Wohnkultur. Zeitstimmung auf tonigen Wänden heißt das Konzept von Direktor Johann Kräftner.</P><P>Frühe italienische Malerei mit filigran entrückten Madonnen auf Goldgrund machen den Anfang. Den Ausblick gibt Giulio Romanos Raffael-Variation des Hl. Johannes. Im nächsten Saal begegnen sich Nord und Süd in Portraits. Dominierend ist Lucas Cranachs Kurfüst Friedrich III. (nach 1532), von Klarheit und Feinheit bestimmt, während Hans Mielich seinen Grafen zu Haag (1557) mit detaillierter Rüstung und Leoparden hintüpfelt. Dann die Schau barocker Schulen: Cravaggisten wie Valentin de Boulogne mit seiner Wahrsagerin (1631) setzen Schlaglichter mit Hell-Dunkel-Malerei, während Pietro da Cortona der Caracci-Lehre von der idealen Komposition und Linie anhängt: Sein Herkules (um 1635), von Engeln "bedroht", ist eine Leihgabe der Sammlung Schönborn-Buchheim. Eigenbestand dagegen sind Sebastiano Riccis riesige, bewegte Mythen.</P><P>Das alles aber ist vergessen in dem einen, großen Saal. Mit Rubens. Zuerst die flammende, monumentale Himmelfahrt Mariens (1637), mit der die Sammelleidenschaft der Liechtensteiner in Konkurrenz zu Europas Herrscherhäusern trat. Dann der Decius-Mus-Zyklus (1616/ 17), für den der Saal einst auch eingerichtet wurde. Höhepunkt des Epos um den Märtyrertod des römischen Konsuls ist eine dramatische, wilde, furiose Schlachtenszene. Pferde bäumen sich über den Leichen auf, fallend kämpft der Held. Die ungeheuere Dynamik wird flankiert von einkehrender Todesruhe. Die sieben monumentalen Bilderlebnisse werden mit Skulpturen Adrian de Fries' (Christus und Sebastian) noch gesteigert.</P><P>Die seidige Venus vor dem Spiegel (1613/ 14) als Sinnbild der Schönheit und der Malerei ist weiterer Höhepunkt der 30 Rubens-Werke. Mit umwerfender Direktheit lächelt dann die fünfjährige Clara Rubens ihren Vater an: Niederländischen Portraits, u.a. mit Anthonis van Dyck, sind nächstes Thema. Die holländischen Stilleben und Landschaften (u.a. Jan Brueghel) sind ein ruhiger Ausklang _ begleitet von Rembrandts ungewöhnlich poussierlichem Seifenblasen-Amor (1634) und Frans Snyders sich wohlig im Kunstgenuss räkelnder Löwin.</P>Täglich außer Di. 9-20 Uhr. Fürstengasse 1, 1090 Wien. Tel. 0043/ (0)1/ 31 94 76 70. Internet: www.liechtensteinmuseum.at.<BR>Eintritt: 10 Euro, Prestel Museumsführer 9,95 Euro, Bestandskatalog 29,95 Euro, Architekturführer 7,95 Euro.<BR>Sonderausstellung "Klassizismus und Biedermeier" mit u.a. hinreißenden Porträts von Friedrich von Amerling und Angelica Kauffmann, mit Landschaften von Ferdinand Georg Waldmüller und Büsten von Antonio Canova, bis 7. November, Katalog 24,95 Euro.

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