Rühreier-Autodidakt

- Der Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs in Berlin, Erdmut Wizisla, kann sein Glück noch gar nicht fassen. Der in der Schweiz jahrzehntelang in einer "trockenen Garage" gelagerte, bisher unbekannte Brecht-Teilnachlass, den sein Archiv in der Berliner Akademie der Künste jetzt erworben hat, sei fraglos der bedeutendste Zuwachs seit Gründung des Archivs vor einem halben Jahrhundert.

Und ein größeres Jubiläumsgeschenk in diesem Brecht-Jahr zum 50. Todestag (14. August) hätte er sich auch nicht wünschen können: "In ihrer Bedeutung für die Brecht-Forschung übertrifft die jetzige Erwerbung alles, was je über die Schwelle des Archivs gekommen ist."

Die Sammlung des 1975 gestorbenen Werbefachmannes Victor N. Cohen enthält zahlreiche bisher zum Teil unveröffentlichte Manuskripte Brechts, darunter zwei Fassungen des "Kaukasischen Kreidekreises" und eine Variante der Hitler-Farce "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui".

Außerdem Dokumente wie den Staatsangehörigkeitsausweis des Freistaats Bayern vom 10. Oktober 1928 (Augsburg), den finnischen Pass des Autors aus dem Zweiten Weltkrieg, Notizen, Verträge, Rechnungen, Fotos und vor allem als wohl wichtigsten Bestand 140 überwiegend unpublizierte Briefe von Brecht und 220 Briefe an den Dramatiker, unter anderem von Alfred Döblin, Fritz Kortner, Christopher Isherwood, Heinrich Mann, Carl Zuckmayer, Erwin Piscator und Charles Laughton.

Ferner sind zahlreiche Briefe von und an seine Frau Helene Weigel aus den Jahren 1944 bis 1947 in Amerika dabei. In einem heißt es: "liebe helli, ich lerne: gläser + tassen spülen, boden fegen, abfall wegschaffen, rühreier und suppen machen, alles als autodidakt, ich fühle mich dir sehr gewogen, wenn ich gläser spüle, daß du das nun so lange gemacht hast, unter anderem."

Zu dem bisher Unveröffentlichtem gehört auch die Aufzeichnung "Was machen mit Deutschland?" von Ende 1944, als Brecht sich an der Diskussion um Deutschlands Perspektive im "Council for a Democratic Germany" beteiligte. Man erfährt aus den Unterlagen, dass Brecht zunächst nur sechs bis acht Wochen in Berlin bleiben wollte und sowohl für das Deutsche Theater als auch für das Theater am Schiffbauerdamm, dem späteren Berliner Ensemble, plante und auch, welche seiner Stücke er nach 1945 vor allem aufgeführt sehen wollte: nicht die "Dreigroschenoper" ("ganz ungeeignet im Augenblick"), aber den "Arturo Ui".

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