Rührung garantiert

- Das "totale Glück" in der "besten Show überhaupt" winkt um die Ecke, rund fünfzig Meter entfernt. "The Producers" wird dort seit Monaten gestürmt, das Musical zum Gedenktag. Mel Brooks lässt da die SS tanzen und einen schwulen Hitler swingen - kein standesgemäßer Umgang für Hochkultur à la Royal Opera House? Doch genau besehen: In dieser Nachbarschaft nimmt sich Lorin Maazels erste, ursprünglich fürs Münchner Prinzregententheater gedachte Oper "1984" gar nicht mal schlecht aus.

<P>Man nehme also George Orwells Roman-Klassiker als Basis, dazu ein durch Musicals gestähltes Librettisten-Paar (J.D. McClatchy, Thomas Meehan), einen risikofreien Regisseur (Robert Lepage), einen Star-Dirigenten, dessen kompositorische Laune sich an Hochkulinarischem orientiert: Was sollte bei dieser Londoner Uraufführung schon schief gehen? Das Produkt sieht dann auch so aus, könnte problemlos nach New York, ans Wiener Ronacher oder nach Bochum weiterverkauft werden. Big Brother als perfektes Grusical, Rührung und wohlige Erschütterung garantiert.</P><P>Nun hat von Maazel, der die Premiere selbst dirigierte, ja keiner erwartet, er werde das Musiktheater ins dritte Jahrtausend lotsen. Und wie er sich der guten alten Literaturoper an die Brust wirft, wie er sich bekennt zum durchkomponierten, mit Solo-Nummern durchsetzten Stil, zum großen, romantischen Orchester, das alles ist auch irgendwie sympathisch. Hier trat einer an, ein funktionierendes Stück zu liefern: eine Sünde?</P><P>Maazel als Maßanfertiger für seine Solisten</P><P>Maazel ist, aus seiner Erfahrung als Dirigent und Partitur-Tüftler, zweifellos ein guter Instrumentierer. Die Behandlung des Orchesters, das Wissen um Mischungen und Wirkungen, um die Einbettung von Singstimmen und plastische, klangliche Dramaturgie zeugen von Könnerschaft. Über weite Strecken sehnt sich "1984" hörbar nach vergangenen Zeiten, als ob sich Andrew Lloyd Webber in der Maske Benjamin Brittens an großer Oper versucht hätte. Manche Chöre bewegen sich im hemmungslosen Dur, es gibt maßvoll Neutöniges, Ragtime und Blues, heftig aufseufzenden Liebeskitsch, fratzenhafte Burlesken und, in den Folterszenen, eine eisig schleichende, mit Geräuschen durchsetzte Klanglichkeit.</P><P>Vor allem dem Helden Winston Smith sind Kantilenen vergönnt, die Puccini-haft mit Parallelen im Orchester gestützt werden. Wie sich überhaupt Maazel als Maßanfertiger für seine Solisten erweist. So darf Diana Damrau als Vorturnerin oder betrunkene Pennerin die durchgedrehte Koloratur-Diseuse geben, Nancy Gustafson (Julia) die substanzreiche Mittellage ihres Soprans vorführen und Richard Margison mit heldentenoraler Geste seinen O'Brien singen.</P><P>Naturgemäß trägt die Hauptlast Winston und damit Simon Keenlyside, demnächst wieder Münchens Wolfram. Keenlyside, ein passend passiver Charaktertyp, erfüllt die Rolle mit großer Prägnanz und liedhafter Nuancierung, lässt sich im zweiten Akt effektvoll an die Grenzen seines schönen Mozart-Baritons treiben und prägt den Abend entscheidend.<BR>Ein Idealfall also für Regisseur Robert Lepage. Er und sein Ausstattungsteam beschränken sich auf dienenden Naturalismus, der das Libretto weitgehend nachbuchstabiert. Ein niedriger Rundhorizont darf sich drehen, schnell wandelbare Bühnenelemente stellen Wohnzellen oder eine Gasse her. Sparsam eingesetzte Projektionen zeigen das unscharfe Gesicht des Großen Bruders oder, in hektischer Verdoppelung, den leidenden Winston. Doch mag der auch auf der Folterbank herzerbarmend stöhnen: Der echte Orwell-Schrecken mag sich nicht recht einstellen.</P><P>Denn Maazels Oper, dieses Stück mit dem scheinbar perfekten Masterplan, erschöpft sich dann doch in dreistündiger, versierter Äußerlichkeit. Schon das Libretto ist ja ein Problem: Wo bei Orwell eigentlich Kommunikation behindert und Austausch verboten wird, wo Gedankenverbrechen also entstehen müssen, posaunen hier die Figuren ihre Befindlichkeiten in dankbaren Solo-Nummern heraus.</P><P>Orwells "1984" dreht sich im Grunde um die Unvereinbarkeit von gefühltem Innern und total kontrolliertem Außen. Um dies musikalisch umzusetzen, reicht Musiktheatralik von der Stange indes nicht aus, dafür fehlt Maazel die Lust am Experiment, am Aufspüren unerhörter, adäquater Lösungen. Dass das Publikum bei den Verlautbarungen des Großen Bruders manchmal lachte, ist nur ein Alarmzeichen: Wo Orwell warnt, rückt Maazels Oper das Geschehen in eine kunstvolle Ferne. "1984" in der Londoner Version, das ist auch ein ungewolltes Plädoyer gegen eine Veroperung. Und dafür, sich am besten wieder einmal den phänomenalen Roman vorzunehmen.</P>

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