Ruheinseln im C-Dur-Brausen

- Nicht nur das Repertoire, die inzwischen offensive Werbung, auch die Programmlängen ändern sich unter dem neuen Chef. 40 Minuten "Quattro pezzi sacri" (Verdi) plus 25 Minuten "Te Deum" (Bruckner), das ergab im Gasteig gerade mal einen halben Levine. Aber Christian Thielemann hat im Grunde Recht: Was sollte neben den beiden gewichtigen Chorwerken schon bestehen?

<P>Dass er mit Italienern "kann" und nicht nur mit deutschen Schwerblütern, das hat er bereits in seiner Zeit an der Deutschen Oper Berlin bewiesen. Und Verdis "Vier geistliche Stücke" mit ihrer emotionalen und strukturellen Bandbreite, vom zerbrechlichen A-cappella-Satz bis zur kraftvollen Entladung, boten ihm die passende Tüftelarbeit.<BR><BR>Von Münchens Philharmonikern, vor allem aber von den Heerscharen des hervorragenden Philharmonischen Chors verlangte Thielemann viel. Das dynamische Spektrum wurde ausgereizt, doch holte er das Geschehen immer wieder ins - intonationsmäßig gefährdete - Piano zurück, um den schlichten, betrachtenden Charakter der Stücke zu betonen.<BR><BR>Penibel wurden alle Passagen auf ihre klangliche Substanz abgehört. Das Problem nur: Thielemanns Neigung zur Differenzierung verstärkte die ohnehin schon von Verdi so gewollte Abschnittbildung. Zu erleben waren schöne, genau gemeisterte Episoden, keine Gesamtdarstellungen - das rechte Rezept für Verdis spätes Opus schien Thielemann zu fehlen.<BR><BR>Ähnliches in Bruckners "Te Deum". Dass der Chef das Affirmative, den ständigen Aufruhr brechen wollte, war sympathisch. Bruckners fast ohrenbetäubende Gottesverherrlichung imponierte. Vor den Soli bremste Thielemann ab, verbreiterte, um Ruheinseln im C-Dur-Brausen zu schaffen. Hörbar wurde aber auch, dass auf Verdi wohl mehr Probenzeit als auf Bruckner verwendet wurde: Nicht immer "stand" - zumindest im Samstagskonzert - die Musik sofort, musste erst metrischen Halt finden.<BR><BR>Solide bis enttäuschend das Solistenquartett mit Iris Vermillion (Alt), Steve Davislim (Tenor), Reinhard Hagen (Bass) und einer zu tief singenden Ricarda Merbeth (Sopran).<BR><BR>Kurzer Jubel nach einem ebenso kurzen, leicht irritierenden Abend.</P><P><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Waltraud Meier: „Ich will intelligent gefordert werden“
Ein letztes Mal kehrt Waltraud Meier zu den Bayreuther Festspielen zurück - nach 18 Jahren Abstinenz. Ein Gespräch über ihr Comeback, den Abschied von Rollen und über …
Waltraud Meier: „Ich will intelligent gefordert werden“
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.