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"Runaway Horses": Vom Atem getragen

- "Die Metamorphosen einer schönen Hexe" titelte 1986 ein Artikel über die amerikanische Tänzerin und Choreographin Carolyn Carlson. Und wer sie tanzen sah, war verzaubert von der Kalligraphie ihrer luftigen Bewegung. Die faszinierende Präzision ihrer spielerisch fein mechanisierten Bewegungen ­ wie sie ihr Mentor, der fantasiereiche, aber doch formalistische Alwin Nikolais, kultiviert hatte ­ ließ zugleich eine innere Bewegtheit durchscheinen, fast ein Zurückträumen zu Hanya Holm und Mary Wigman.

Als Choreographin, als hochengagierte Pädagogin und Tanzdirektorin der Groupe de Recherches Théâtrales de l‘Opéra de Paris/ GRTOP (1974-80), des Teatro Danza La Fenice, Venedig (1980-84), aber auch freischaffend, hat sie dem zeitgenössischen Tanz in Europa maßgebliche Impulse gegeben. Im Juni wurde sie auf der Biennale in Venedig, deren Tanzprogramm sie von 1999-2004 gestaltete, mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Lorbeeren, aber kein Ruhekissen. Seit 2004 leitet sie das Centre Chorégraphique National de Roubaix-Nord Pas de Calais. Gerade entwickelt sie mit Philip Taylors BallettTheater München (BTM) am Gärtnerplatztheater ein neues Stück: "Runaway Horses", eine Koproduktion mit der Münchner Dance-Biennale, die als Festival-Finale am 12. November zur Uraufführung kommt.

Die 63 sieht man ihr nicht an, wenn sie, gertenschlank wie eh und je, Energie-gespannt, beim Training die Übungen vormacht. Weitausholende langsame Bewegungen, die den ganzen Körper durcharbeiten, kombiniert mit kurzen geschleuderten oder messerscharf gesetzten Gesten. "Alles muss mehr vom Atem getragen sein", korrigiert sie. "Das Geheimnis ist der Atem, egal, welche Technik ihr trainiert". Und bei den Adagio- Übungen: "Der Port de bras ist mit dem Herzen verbunden. Mach, dass eine Aura von Licht um dich herum entsteht." Genau so hat man die Tänzerin Carolyn Carlson in Erinnerung: eine nordische Nymphe, lichtumflossen, auf einer Recherche-Reise in eine Welt der Poesie und Mystik.

Man hat sie wohl deshalb als Isadora Duncan des späten 20. Jahrhunderts bezeichnet. "Ja, immer wieder!", sagt sie emphatisch. "Ich bin ja auch so ein freier Geist. Es geht mir nicht um das Vermitteln von Technik. Jeder soll so sein, wie er ist. Ich bin vor allem jemand, der Dinge anstößt. In meiner GRTOP haben Leute wie Dominique Bagouet getanzt, die dann die Nouvelle Danse Franaise mitbegründeten. Aus dem Teatro Danza La Fenice ist die Gruppe Sosta Palmizi hervorgegangen. Und selbst in diesen 14 Tagen hier in München habe ich Herzen geöffnet."

Die Biennale-Auftragsarbeit ist, wie der Durchlauf zeigte, schon fertig. Auch wenn sie den Titel, entliehen dem Roman "Runaway Horses" des japanischen Kultautors Mishima, schon wieder geändert haben soll: Die raumgreifend jagende Bewegung der elf Tänzer, das zuckende Aufbäumen der Körper ist eine tänzerische Antwort auf die literarische Anregung und die (1985 für den Paul-Schrader-Film "Mishima" komponierte) Glass-Musik. Es geht um Ausbruch, Abschied, Trennung in den verschiedensten Formen. Carlson hat ihre ganz eigene Arbeitsmethode: "Was ich über das Thema Trennung fühle, muss ich zuerst sprachlich fassen, bevor ich mit den Tänzern daran arbeite. Ich habe zwei Gedichtbände geschrieben, ein dritter steht kurz vor der Veröffentlichung. Wo ich jetzt angekommen bin, ist Dichtung wirklich ein Teil meiner Arbeit."

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