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Die klügste und schönste Arbeit ist Anne Imhof im deutschen Pavillon mit ihrer Performance „Faust“ gelungen.

Die 57. Kunst-Biennale ist eröffnet

Die Kunst lebt in Venedig

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Venedig - Die 57. Kunst-Biennale in Venedig bietet Verunsicherndes, versteht sich aber auch als Eldorado für die ganze Familie. Wir haben die Kunstschau besucht.

„Viva Arte Viva“ ist der Begeisterungsschrei, den sich die künstlerische Leiterin der 57. Biennale di Venezia, Christine Macel, als Motto für eine der weltweit wichtigsten Ausstellungen auserkoren hat. Diese Lust auf und die Liebe zur „lebendigen Kunst“ hat auch sehr viele der Künstler und Kuratoren der 87 Nationenpavillons, verteilt auf die Giardini (Gärten), das Arsenal und ganz Venedig, angesteckt. Traditionell teilt sich die Biennale in Einzelpräsentationen der Länder, die von ihnen verantwortet werden, und in eine umfassende Schau. Alle zusammen werden natürlich gleichfalls angetrieben vom Wissen, dass heuer auch die Documenta stattfindet. Ein Ableger läuft schon in Athen; in Kassel geht’s im Juni los. Und die Konkurrenz hat, wenn man in Venedig aufs große Ganze schaut, das Geschäft sehr positiv, also „Viva“-mäßig, belebt.

Phyllida Barlow gestaltete den britischen Pavillon.

Beim deutschen Pavillon gibt es einen weiteren Bezug zu Kassel. Die Chefin des dortigen Fridericianums, Susanne Pfeffer, ist die Kuratorin des Gesamtkunstwerks „Faust“. Aufgeführt wird von Künstlerin Anne Imhof (Jahrgang 1978) aber nicht das angeblich deutscheste aller Dramen, sondern eine Performance in einer ausgefeilten Rauminstallation mit ausgefeilter Musik. Mit Goethe hat das Opus nur insofern zu tun, als er und die Frankfurterin von heute gern fünf Stunden spielen lassen.

Was bei Goethe schon allein im ersten „Faust“-Teil nötig ist, verlangt uns Imhof nicht ab. Die Bildende Kunst nimmt uns nicht wie das Theater in „Geiselhaft“, sondern wir dürfen kommen und gehen, wie wir möchten. Vielleicht ist das des Pudels Kern, warum wir mit vollem Herzen immer dem „Viva Arte“ zustimmen. Zwang gibt es gerade bei dieser Gattung nicht. Höchstens für die Journalisten, die teils stundenlang anstehen mussten, um zum Arbeiten (!) in die Pavillons zu gelangen.

Zwang ist ein Thema, das Anne Imhof ansprechen will, und zwar in einem Spiel aus Öffnen, das Scheintransparenz erzeugt, und Schließen, das Scheinsicherheit erzeugt. Sie hat den von den Nazis einst zum heutigen Zustand umgebauten „Germania“-Pavillon in den Giardini teils mit Glas ummantelt, sodass er einsehbar, aber nicht mehr durch den Haupteingang betretbar ist. Vor dem rechten Fassadenstück verursacht ein Hundezwinger mit zwei Dobermännern Stirnrunzeln. Und noch mehr die junge Frau, die arg lange Minuten auf dem Gitter hockt, nie fliehend, während ihr Fuß erbarmungswürdig zuckt. Ein Helferreflex zuckt auch im Besucher auf, es gibt jedoch nicht einmal Augenkontakt zur Performerin.

17 Performer gestalten „Faust“

Die düstere Fiktion bleibt aufrecht und bedrängend, obwohl die netten Hunderln gründlich das Klischee vom bösen Dobermann zerstören. In den Innenräumen hat Imhof durchgängig einen Glasboden eingezogen, unter dem genauso wie auf dem Dach oder im „Gefangenenhof“ draußen langsam, oft statuarisch agiert wird. Einige der insgesamt 17 Performer sind am Konzept des Stücks und der Musik beteiligt. Zwei der Säle lassen beängstigende Assoziationen aufkommen: an Sektion, Folter, Isolationshaft. Was am stärksten wirkt, ist der Nicht-Boden. Durch ihn, der eben optisch keinen festen Untergrund bieten kann, ist für den Besucher die Verunsicherung plötzlich nicht nur Fiktion, sondern erlebte Realität. Manche bewegten sich daher nur dort, wo unter ihnen die Metallbalken des Glasbaus sichtbar waren.

Erwin Wurm inszenierte einen Lkw-Unfall in Venedig.

Die zweite Verunsicherung für uns „Freie“ war noch schlimmer, weil eine moralische. Gerade beim Ansturm am ersten Pressetag wurde die Masse zum bedrohlich gaffenden Element. Als Betrachter hatte man dann doch das Gefühl dessen, der beobachten kann, weil andere ihm ausgeliefert sind. Anne Imhof ist mit „Faust“ die klügste und schönste Arbeit der 57. Biennale gelungen, obwohl die Performance zu demonstrativ ihr Depri-Pathos zelebriert.

Das kann sich der Giardini-Flaneur nebenan beim kanadischen Häuschen wegspülen lassen. Geoffrey Farmer hat es zwar fast abgerissen, um einen Unfall vorzutäuschen – einen von der Sorte, die Wasserleitungen aufreißt. Aber Fontänen sind nun mal auch im Pech zauberhafte Akteure, was der Kanadier der barocken Wasserspiele-Tradition folgend verschmitzt auskostet. Das ist etwas für Kinder von drei bis 103. Ja, Bauen – Konstruieren, Umgestalten oder Verfallen-Lassen – ist neben der nationalen Selbstreflexion das zentrale Thema der Biennale. Deswegen mischt Phyllida Barlow bei den Briten Architektur-Ikonen mächtig auf. Klobige Knödel auf Stäben locken in den Pavillon, wo Julias Balkon oder griechische Säulen so protzig wie schrottig ein Anti-Disneyworld-Leben führen. Gebaut wurde ebenfalls bei den Franzosen. Sie haben im Gegensatz zu München ihren neuen Konzertsaal; eine tollem nach innen gestülpte Holzskulptur von Xavier Veilhan, die einem Klänge direkt in die Eingeweide schickt.

Erwin Wurm hat den österreichischen Pavillon gestaltet

Im Pavillon Italien auf dem Arsenale-Gelände verneigt sich Giorgio Andreotti Calò vor den Baumeistern und Zimmerleuten der Werfthallen für die glorreiche venezianische Armada von einst. Für den Besucher wird es zum Abenteuer. Man tastet sich durch eine finstere Halle, geht Stufen gleich einem Amphitheater empor und da – ein riesiger Dachstuhl, der nach unten hängt. Grandioses (Spiegel-)Schauspiel.

Dass Erwin Wurm die Baukunst verspotten würde, ist jedem klar, der sein in München gut vertretenes Schaffen kennt. Vor den österreichischen Bau (1934) in den Giardini des Moderne-Stars Josef Hoffmann hat Wurm einen Turm gesetzt. Bloß ist der nicht gemauert, sondern ein auf der Schnauze stehender Lkw. Der funktioniert bestens als Aussichtsturm, oben wird der Besucher wieder wie im Pavillon selbst vom Künstler getratzt. Man sieht, im Grunde ist die Biennale ein Eldorado für die ganze Familie. Wir dürfen sogar in ein aus Lehm gestampftes Dorf (Moataz Mohamed Nasr Eldin; Ägypten) gehen und im Menschenversuche-Labyrinth (George Drivas, Griechenland) herumirren; Spielfilme inklusive. Nationale Selbstreflexion und Bauen verzahnen sich – sozusagen ganz unauffällig hochpolitisch.

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