Runter mit der Fassade

- Geschätzte zwei Jahre dürfte es her sein, dass diese Produktion beschlossen wurde. Doch scheint's, als sei sie die aktuelle Antwort auf jüngste Vorwürfe. Denn nur mit einer Überdosis Trallala, so glaubt man offenbar im Kunstministerium, könne das Münchner Gärtnerplatztheater in eine gesunde Zukunft geführt werden. Und dann stellt das Haus wie zum Trotz einen Opern-Doppelabend auf die Beine, der alle Federgewichte in Sachen Programmatik beschämen müsste und den Beweis führt: Ja, Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" und Ruggero Leoncavallos "Der Bajazzo", diese beiden Stücke gehören genau hierher.

Macken und Störfälle

Vorausgesetzt natürlich, man verfügt über ein so gutes Ensemble sowie über einen Regisseur und Bühnenbildner, der das musikalische Händeringen der Partituren überhört und den Kurzopern alle Messerstecherklischees austreibt - was einige im Publikum dann doch verärgerte. Denn mehr als tödliche Eifersucht scheint Christian Sedelmayer zu interessieren, in welcher Umgebung, in welcher psychischen Konstellation es überhaupt dazu kommt.

Die Frage nach der Identität, die Frage, wann nur Fassade behauptet wird und wann Ungefiltertes hervorbricht, um dies alles kreist ja nicht nur "Der Bajazzo" mit seinem Theater-auf-dem-Theater-Kniff. Folglich stellt Sedelmayer schon die Gesellschaft der "Cavalleria" während einer gewagt langen, statischen Einleitungsszene aufs Podest und schafft eine Verknüpfung zum Schwesterwerk: Die Bewohner eines Alpendorfs - die Frauen bis zur Grässlichkeit verhübscht, die Männer in schlecht sitzendem Sonntagsstaat - schauen ins Publikum. Und während fast "nichts" passiert, schälen sich Macken und Störfälle heraus. Lola (Martina Koppelstetter) schwankt angeschickert durch die Reihen, Lucia (Snejinka Avramova zeigt Mut zur ungeschützten Drastik) sitzt als derangiertes Mama-Monster in Reihe eins.

Alfio kommt dazu als Macho in Weiß, ein gealterter Travolta light; Turiddu als schmuckbehangener Unsympath: Irgendwas ist hier nicht in Ordnung. Man spürt das vor allem dann, wenn Santuzza, die Ausgegrenzte, im kindlichen Afrolook und mit Blutstigmata an den Händen die Gruppe irritiert, oft begleitet von einer Frau in Schwarz als morbides Alter Ego (Susi Wimmer). Und wenn sie schließlich den kitschigen Bergprospekt niederreißt, sich in ihn hüllt und das "Idyll" seiner letzten Kulissenhaftigkeit beraubt.

Sedelmayers Stärken, die Durchhänger mehr als ausgleichen, sind: Er hat Instinkt für Bildwirkungen. Und er kann mit nur wenigen Skizzierungen Figuren eine Geschichte geben, dabei Atmosphären schaffen - was sich nicht nur bei den Solisten zeigt, sondern auch in der Führung des hervorragenden Chores. Dabei unterlässt es Sedelmayer aber, 1:1-Erklärungen zu liefern. Die "Cavalleria", großteils auch "Der Bajazzo" beziehen ihre Magie aus Andeutungen und wie beiläufigen Hinweisen, die Vergangenheit und Beweggründe eben nicht auf dem Silbertablett servieren.

Prolls und Putz-Dominas

"Natürliches" Zentrum der "Cavalleria" ist Ann-Katrin Naidu. Ihrem Mezzo steht die hoch gelagerte Santuzza hervorragend. Dass sie selbst in großen Ausbrüchen stets die vokale, silbrig schimmernde Linie wahrt, souverän gestaltet und sich nie im Pathos verliert, passt ins Konzept. Harrie van der Plas dagegen steigert sich schonungslos in den Turiddu hinein, reizt seinen Tenor bis zur Stimmgrenze aus. Gary Martin liegt der Alfio-Fiesling genauso gut wie der imponierend gesungene, als abstoßendes wie bemitleidenswertes Hinkebein gespielte Alfio im "Bajazzo". Denn auch das spricht für die Klasse der Inszenierung: Martin und manche seiner Kollegen hat man kaum je so gut erlebt wie an diesem Abend.

"Der Bajazzo" mag gegen das riskantere "Cavalleria"-Konzept leicht abfallen, die Fragestellungen bleiben dieselben: Sedelmayer ist hier naturalistischer, schildert auf einer Szene, die bis zur Brandmauer aufgerissen und daher akustisch dürfig ist, eine abgewrackte 70er-Jahre-Welt zwischen Glimmer-Wohnwagen und Haus-Ruine. Wolfgang Schwaninger ist als Canio ein spinnenbeiniger Proll, singt dabei mit markiger, heldentenoraler Geste. Vokal wie darstellerisch liegt auch Sandra Moon abseits des Nedda-Standards: eine gar nicht so piepsige, eher gereifte, durchtriebene Frau, die auch während des "Theaterstücks" als Putz-Domina in Latex überzeugt, der man also die Liaison mit dem schönen, etwas grobstimmigem Silvio (Vladimir Glushak) gern abnimmt. Die "Komödie" der fahrenden Truppe spielt - ein beziehungsreicher Einfall - im aufgeklappten Wohnwagen, also in der Lebenswelt Neddas und Canios, womit endgültig die Grenzen von Schein und Realität verwischen.

Partiturfutter für Stahl

Auch für Dirigent David Stahl und die exzellenten Gärtnerplatz-Musiker bieten beide Opern das rechte Partiturfutter. Stahl setzt mit dem Orchester auf kraftvolle, großbogige Klangschönheit, fühlt sich in der pastosen Süffigkeit der "Cavalleria", die er manchmal zu sehr auskostet, wohler als bei den wendigen, kleinen Floskeln des "Bajazzo". Und doch bietet er stets eine starke Ergänzung zu einer Inszenierung, die dem Gärtnerplatztheater den bestmöglichen Saisonstart beschert: Die Latte für 2005/06 liegt also hoch. An beiden Opernhäusern.

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