Runter von der Palme

- Keith Richards bringt heute nichts auf die Palme: nicht Kollege und Knitter-Twin Mick Jagger, der den faltigen Gitarren-Schrat der Rolling Stones boshaft als "the Weltmeister im Baumklettern" vorstellt. Und auch nicht der Scherzkeks im Publikum, der beharrlich eine meterhohe aufblasbare Plastik-Palme schwenkt.

Richards, nach einem medienwirksamen Sturz vom tropischen Gehölz sichtlich wieder genesen, dehnt den sehnigen Rock'n'Roll-Körper, grinst Nikotin-gelb und brummelt: "Good to be back in Munich." Das reicht schon, um das angepilgerte Publikum im Olympiastadion in Wallung zu bringen. Die berühmteste Rock-Band der Welt ist routiniert guter Laune: Mick Jagger wirft ein sonniges "Gud'nabendmunschen" ins Rund und wechselt die flippige Garderobe im Viertelstundentakt, Ronnie Wood ist wie gewohnt Everybody's Kumpel und suhlt sich in schmierigen Slide-Gitarren-Soli, Charlie Watts ist - Charlie Watts, der Earl Grey am Schlagzeug.

Alles wie immer also und dennoch: Selbstverständlich scheint es diesmal nicht. Es dauerte peinlich lange, bis das Unternehmen Stones auf Deutschland-Touren kam. Konzerte wurden abgesagt, und Experten sind sich einig: Das lag nicht am unkaputtbaren Richards, der offensichtlich Teflon-beschichtet ist und uns alle überleben wird. Der eigentliche Grund ist alt und oft diskutiert: Die Stones sind (zu) teuer. Die Kartenverkäufe liefen zäh, noch nicht einmal die zu kurz gekommenen Nürnberger und Frankfurter reisten so zahlreich an, dass die Arena ausverkauft gewesen wäre. Verlosungen waren nötig, um die Ränge zu füllen. Und mal ehrlich: Für 188 Euro sollte man eigentlich den Sitz abmontieren und mitnehmen dürfen.

Alte Schwammerl machen Dampf

Dennoch schafft es die Band, all das vergessen zu machen, sind die Rolling Stones noch immer besser als ihr Ruf. Es ist natürlich einfach, sie als Rock-Ötzis abzutun. Dabei machen die vier mehr Dampf als die allermeisten Jungen (und die paar Gleichaltrigen sowieso). Wie Zampano Jagger zu "Jumping Jack Flash" wild fuchtelnd austickt, Richards wie bekifft in die Knie geht und dieses unanständige Riff aus seiner Fender wringt, Wood mit verkniffenem Gesicht seine Saiten zieht und Charlie Watts einfach Charlie Watts ist - das ist schlicht beeindruckend. Der Archetypus einer Band: Diese gammeligen Schwammerl bilden das Myzel, aus dem alles wächst, was für Rockmusik wichtig war und ist.

Das neue Album "A bigger bang" tritt mit der Ballade "Streets of love" in Erscheinung - Jagger als gestutzter Gockel, mit jugendlichem Falsett. Dann nuschelt er: "Ihr habt doch so 'ne Type, die so heißt - hab' vergessen, wer das ist." Klar: Es folgt "Angie". Auf der Bühne hat man in luftiger Höhe Ränge für erlesenes Publikum eingerichtet. Es bejubelt ein grandioses "Tumbling Dice" mit Hüft-kreisendem Jagger, der sich das Mikro hinter den Hosenstall steckt, und das Ray-Charles-Cover "The right time" mit Background-Sängerin Lisa Fishers mächtiger Solo-Performance.

Als dann noch die bewährte Klein-Bühne wie ein Floß vom Mutterschiff ablegt und mit den runzligen Freibeutern an Bord an der Plastik-Palme vorbei bis zum Anstoßkreis in die Menge fährt, die alten Klassiker mit an Bord, steht die Menge erst richtig Kopf. Das wusste der alte Gauner Richards natürlich von Anfang an: Dass sich heute keiner beraubt fühlen würde - sondern bereichert.

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