Der Russe aus dem All

- "Und ich begriff das Wesen des Menschen. Der Mensch war eine FLEISCHMASCHINE." Der das feststellt, wuchs selbst als "Fleischmaschine" auf, bis ihm als junger Mann eine Art Erweckung widerfuhr. Dann wurde aus dem Erdbewohner Alexander mit Sitz in der frisch gegründeten Sowjetunion ein Bewohner des Alls. Der war durch Unachtsamkeit auf dem ungemütlichen Planeten gelandet, wo vor allem Fressen und Gefressen-Werden herrschen.

Eisbrocken in der Taiga

Vladimir Sorokin legt mit "Bro - so heißt das Sternenkind - die Vorgeschichte zu seinem letzten Roman "Ljod. Das Eis" vor. Erzählt wird also zunächst vom alten Russland, einer (fast) nostalgischen Vision von Großfamilie, Wohlleben durch Papas Zuckerfabriken und von komischen Episoden mit den Bediensteten. Da hinein bricht brutal Polit-Geschichte: Erster Weltkrieg, Revolution, Sowjetunion. Mit einem Mal ist Alexander völlig allein. Die Wirren machen ihn dennoch zum Studenten. In Astronomievorlesungen träumt er sich ins All.

Schließlich darf er sogar an einer Expedition teilnehmen. Gesucht wird in der Taiga ein Meteorit. Gefunden wird Ljod, ein riesiger Eisbrocken im Sumpf. Dieses Weltraum-Wesen lockt aus Alexander sein wahres Sein heraus: Er ist Teil des Alls.

Bis hierher kann Sorokin noch Spannung erzeugen, um den Leser für die Gedankenwelt der Ljodler zu interessieren. Eindrucksvoll die Schilderung der sibirischen Wälder, jener alles verschlingenden Natur. Aber dann muss der Autor seinen Bro ausschicken, die Artgenossen zu finden. Was zunächst zu einer Reihe von Abenteuern mit der noch chaotischen Sowjetmacht führt, wird immer mehr zur nervtötenden Suche. Sorokin erspart uns unterhaltungssüchtigen "Fleischmaschinen" nichts. Auch nicht den Zweiten Weltkrieg und die KZs - naturgemäß aus der für uns völlig beschränkten Bro-Perspektive.

Fleißig forschen die Eis-Leute nach Ihresgleichen. Wenn nicht alle 23 000 "Strahlen" zusammenkommen, können sie nicht in die Sphären-Harmonie entweichen. Weil man sich als "Fleischmaschinen"-Leser aber nicht so recht mit diesen All-Flüchtern identifizieren kann, sind ihre Bemühungen einem herzlich wurscht - und das Buch wird einem immer langweiliger. Sie schaffen's ja nicht einmal zum Weltuntergang. Das Fürchten hat uns Vladimir Sorokin wieder nicht gelehrt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landung im Comic-Welttheater
München - Der Münchner Theaterakademie glückt mit „Flight“ von Jonathan Dove eine erstaunliche Aufführung.
Landung im Comic-Welttheater
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
München - Heute wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert sich ein Besucher an sein letztes Konzert mit Nirvana in München.
Kurt Cobain wäre heute 50: So war sein letztes Konzert in München
Energie! Skunk Anansie in der Muffathalle
Skunk Anansie leben von ihren Crossover-Hymnen des letzten Jahrtausend. Dennoch, die Band weiß ihr Publikum zu begeistern. Unsere Konzertkritik. 
Energie! Skunk Anansie in der Muffathalle
Wenn die Geister kommen
Toshiki Okadas Stück „Nō Theater“ wurde an den Münchner Kammerspielen unter seiner Regie uraufgeführt. Der japanische Dramatiker schult dabei die ästhetische Wahrnehmung …
Wenn die Geister kommen

Kommentare